© Photo by Alan Markfield/Disney

Kritik
08/12/2021

Kino-Kritiken der Woche: "Free Guy", "Tom & Jerry", "Nahschuss" u. a.

Die Kritiken zu den Filmstarts der Woche.

von Gabriele Flossmann

"Free Guy": Loser aus dem Videogame rettet die Welt – und das Kino

Hollywoods Kassandra-Rufer dürfen wieder einpacken. Nach den Corona-bedingt matten Sommerzahlen im vorigen Jahr retten endlich wieder Superhelden – und damit hoffentlich auch das Kino. Der aussichtsreichste Kandidat, dem dies gelingen könnte, ist ausgerechnet ein Bankkassier, der sich im sich ständig wiederholenden Berufsalltag fadisiert. Dass seine Bank immer wieder ausgeraubt wird, gehört da einfach dazu. Wesentlich mehr schockiert ihn der Einbruch der Realität. Genauer gesagt: die Realität außerhalb seiner virtuellen Welt.

Dieser soll nämlich der Stecker gezogen werden, weil gerade jenes Computerspiel, in dem er (s)eine kleine Rolle spielt, aus dem Repertoire des Herstellers gestrichen werden soll. Erst zu diesem Zeitpunkt bemerkt der Bankbeamte, dass er in Wirklichkeit gar kein Player im Finanzwesen, sondern nur eine unbedeutende Figur in einem Video-Spiel ist. Auch seine Kleidung ist, wie er – plötzlich entblößt – feststellen muss, virtuell. Also nimmt er sein Leben selbst in die Hand und schreibt die Spielregeln dafür neu. Klingt bekannt? Es sollte.

„Free Guy“ streift eine ganze Reihe von Themen, wie wir sie aus ähnlichen Filmen kennen. Von „Matrix“ über „Groundhog Day“ und Trujman-Story bis zu diversen Marvel-Abenteuern.

Ryan Reynolds, der auch den Film produziert hat, kann einen charmanten Actionhelden wahrscheinlich schon im Schlaf spielen, aber in diesem Film setzt er noch eins drauf. Er spielt einen Bankkassier, der zum Superhelden mutiert, als eine Variation seines erfolgreichen „Deadpool“-Charakters. Schlagfertig mit Fäusten und Worten.

Die Zuschauer müssen nicht mit Videospielkonventionen vertraut sein, um den Witz und die Witze des Films zu schätzen. Aber es hilft. Das gewalttätige, hyperrealistische Videospiel dringt im Verlauf des Films immer tiefer in die „Realität“ der Spieler ein. Begleitet von rasselnden Panzern, explodierenden Raumschiffen, Kampfkunstkämpfen und Autounfällen. Dass diese Bildexzesse scheinbar zusammenhanglos als Hintergrund der Haupthandlung ablaufen, ist gewollt. Als Anklage gegen unsere Abgestumpftheit gegenüber Gewalt-Darstellungen.

Außerdem will der Film betonen, dass auch in einer digitalen Welt echte Gefühle möglich sind. Algorithmen sind nicht immer nur manipulative Mittel zum Zweck des Data-Mining. Schließlich können auch zwischenmenschliche Verbindungen online hergestellt werden. Gelungenes Popcorn-Kino, das sich über kapitalistische Konformität lustig macht und diese dazu noch lustvoll bedient. Mit einigen Überraschungselementen.

Free Guy. Sci-Fi-Komödie. USA 2021. 115 Min. Von Shawn Levy. Mit Ryan Reynolds, Jody Comer

"Tom & Jerry": Katz-&-Maus-Spiel mit realen Menschen

Wenn neue Ideen rar werden, muss man eben auf Altbewährtes zurückgreifen. Im konkreten Fall auf die beliebtesten Rivalen der Comic-Welt. Die Verfolgungsjagden von Kater Tom und Maus Jerry waren ab 1940 in vielen Zeichentrickepisoden zu sehen, von denen mehrere sogar mit einem Oscar ausgezeichnet wurden. Das neueste Abenteuer kommt als Mix aus realen Menschen und animierten Figuren daher. 

Leider macht der Film nur wenig aus den Möglichkeiten, wie sie etwa in „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“  schon vor drei Jahrzehnten auf geniale Weise vorgehüpft wurden. Im Mittelpunkt stehen eine New Yorker Hochzeitsplanerin namens Kayla, die bemerkt, dass sich Jerry ausgerechnet in dem Hotel einquartiert hat, in dem sie ihr Fest inszenieren will. Ein Hochzeitsbuffet mit Maus? Undenkbar. Also setzt Kayla seinen Erzfeind Tom gegen ihn an. So weit so vielversprechend. Aber statt der animierten Tiere haben eher die Menschen das Sagen.  
Dass sich der Bräutigam als Attraktion für die Hochzeitstafel einen Elefanten wünscht, deutet schon an, dass in diesem Film viel Porzellan zu Bruch geht. Eine Szene, in der Tom versucht, Jerry über eine Stromleitung zu erreichen, lässt anklingen, was dieser Katz-&-Maus-Film hätte sein können – wenn die Menschen etwas zurückhaltender agieren würden ... 

Tom & Jerry. Animationskomödie. USA 2021. 101 Min. Von Tim Story. Mit Chloé Grace Moretz, Ken Jeong 

"Nahschuss": Packendes Stück deutscher Zeitgeschichte

166 Todesurteile wurden in der einstigen DDR vollstreckt. Einer der Verurteilten, so erzählt dieser Film,  war Franz Walter. Ein Wissenschafter, der mit leeren Versprechungen als Stasi-Spitzel angeworben wird. Im Laufe seiner Einsätze in der BRD  soll er zu drastischen Mitteln greifen, die er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann. Er entschließt sich, auszusteigen. Doch der Geheimdienst lässt ihn nicht gehen.  

Der neue Salzburger „Jedermann“ Lars Eidinger überzeugt in der Geschichte, die vom wahren Schicksal des angeblichen DDR-Spions Werner Teske inspiriert ist. Dieser war 1981 rechtswidrig zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Es war die letzte Vollstreckung einer Todesstrafe in der DDR. Starkes, sehenswertes Kino mit Einblick in deutsche Geschichte. 

Nahschuss. Polit-Drama. D 2021. 111 Min. Von Franziska Stünkel. Mit Lars Eidinger, Luise Heyer.

"Death of a Ladies' Man": Drinks mit Gespenstern

Leonard Cohen wurde als „Ladies’ Man“ wahrgenommen. Weil ihn seine Beziehungen zu musikalischen Erfolgen inspirierten. Der kanadische Regisseur Matt Bissonnette hat seinem Landsmann mit diesem Film einen höchst ungewöhnlichen filmischen Abgesang gewidmet: Sieben Songs des 2016 verstorbenen Troubadours bestimmen den Soundtrack einer tiefsinnigen Groteske um den Mythos eines unwiderstehlichen Frauenhelden und hingebungsvollen Trinkers – von Gabriel Byrne lustvoll-melancholisch interpretiert. 

Sein Leben ist in letzter Zeit ziemlich unpoetisch geworden. Seine Ehe geht zu Ende, als er seine Frau mit einem anderen Mann im Bett vorfindet.  Er steigert er seinen Alkoholkonsum. Als seine gelegentlichen Fantasien zu Halluzinationen werden, diagnostiziert sein Arzt einen inoperablen Hirntumor. Sam beginnt, Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Dass diese Familie aus seinem kürzlich verstorbenen, hockeyspielenden Sohn Layton und dem Geist seines längst verstorbenen Vaters Ben besteht, lässt Einblicke in Sams Geisteszustand zu. Seine Halluzinationen nehmen unter Bissonettes Regie brillante und erfinderische Formen an.

Death of a Ladies’ Man. Dramedy. CAN 2020. 104. Min. Von Matthew Bissonnette. Mit Gabriel Byrne. 

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