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Jährliche Bittsteller: Zurück in die Steinzeit der SPÖ-Kulturpolitik

Es wird keine Mehrjahresvereinbarungen mehr geben. Nun geht die Angst um in Wien: Wenn man sich nicht opportun verhält, drohen Kürzungen
PK "VORSTELLUNG DER NEUEN KÜNSTLERISCHEN LEITUNG VON SCHAUSPIELHAUS WIEN": KAUP-HASLER (SPÖ)

Vor genau 30 Jahren wurde Peter Marboe (ÖVP) Kulturstadtrat in Wien. Ihm gelang unter dem Schlagwort „Entpolitisierung“ Erstaunliches. Denn er unterband gleich einmal, dass seine Vorgängerin Ursula Pasterk (SPÖ) wieder zu den Wiener Festwochen zurückkehrte.

Über das Jahr 1997 konnte er im Kunst- und Kulturbericht resümieren, Schwerpunkte gesetzt zu haben, „die gravierend in die Zukunft wirken“: Er stellte mehrere Theater durch Entschuldung auf eine gesunde finanzielle Basis – und ermöglichte Dreijahresvereinbarungen. Diese würden, so las man wieder ein Jahr später, „ein neues Zeitalter in der Partnerschaft zwischen Künstlern und der Kulturverwaltung“ einläuten: „Sie befreien die Kulturschaffenden aus der Rolle des Bittstellers und ermöglichen ihnen über die budgetäre Planbarkeit ein wesentliches Mehr an künstlerischer Freiheit.“

Unter Peter Marboes Nachfolger Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) gab es Adaptionen, am Instrument der Mehrjahresvereinbarungen aber wurde festgehalten. Und auch Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (von der SPÖ nominiert) weiß ganz genau, dass Planbarkeit essenziell ist. Und zwar aus eigener Erfahrung: Sie leitete das Festival „steirischer herbst“.

In den letzten Monaten aber wandten sich Theatermacher verzweifelt an Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ): Ihnen war vom Kulturamt mitgeteilt worden, dass es keine Mehrjahresvereinbarungen mehr geben werde. Dies wurde zunächst als „Gerücht“ in Abrede gestellt, aber nun von Kaup-Hasler bestätigt (im KURIER-Interview).

Kann schon sein, dass die prekäre finanzielle Situation keine großen Versprechungen mehr in die Zukunft erlauben. Doch die Beträge, die im Falle der freien Szene und der mittelgroßen Theater anfallen, sind gering: So schlecht kann es der Stadt gar nicht gehen, dass diese nicht aufgebracht werden könnten. Zumal die Kunst ein Atout sei, wie die Kulturstadträtin immer wieder betont.

Warum also wehrt sie sich nicht? Es stimmt leider, was Ursula Berner, Kultursprecherin der Grünen, sagt: „Die Mehrjahresförderungen zu streichen, bedeutet für die meisten Institutionen doppeltes Prekariat: finanziell – und juridisch, weil sie keine Verträge mehr für Produktionen zeitgerecht abschließen beziehungsweise dies nur auf eigenes Risiko machen können. Außerdem müssten sie im Grunde jedes Jahr alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kündigen oder zumindest beim Arbeitsmarktservice zur Kündigung vormerken.“

Denn ja: Wer weiß im Mai, ob er nächstes Jahr ausreichend Mittel haben wird, um über die Runden zu kommen? Und ja: Selbst kleine Häuser müssen langfristige Verträge abschließen – etwa wenn sie einen Stückauftrag vergeben wollen. Ein Werk schreibt sich ja nicht binnen einer Saison.

Erstaunlicherweise traut sich aber kaum jemand aus der Szene, den Mund aufzumachen, höchstens anonym. Denn die Angst geht um: Wenn man sich nicht opportun verhält, droht Liebesentzug in Form einer Subventionskürzung. Die freie Szene ist nun wieder in der Prä-Marboe-Steinzeit, als die Sozialdemokraten das Kultur- als Ideologieressort angesehen haben: am Gängelband.

Dass Kuschen wieder zum guten Ton gehört, zeigte sich jüngst: Das Aufmucken über die wenig pluralistische Zusammensetzung der Jury, die über die Leitung des Schauspielhauses befand, währte nur kurz. Es ist eben jedem in der Szene das Hemd näher als die Hose.

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