Kultur
27.09.2017

Karl Ove Knausgård fehlen die Worte

Auf 3600 autobiografische Seiten folgen Briefe, in denen er seinen Kindern die Welt erklärt.

Der New Yorker Eliot Weinberger ist das andere Extrem: Im neuen Buch "Vogelgeister" aus dem Berenberg Verlag ersetzen einzelne Sätze ganze Geschichten.

Zum Beispiel: "Ein Eid ist Leugnen einer Schuld."

Oder: "Geh nur weit genug zurück, und es gibt kein Blau."

Und dann ist da Karl Ove Knausgård. Man hätte ja meinen können, die 3.600 Seiten dicken und halbwegs autobiografischen Schriften namens "Sterben", "Lieben", "Spielen" usw. sind jetzt für einige Zeit genug.

Grün und Rot

Aber schon ist im Luchterhand Verlag (der auch die lebenswichtigen Romane der Anna Mitgutsch herausbringt, die nicht so beworben werden) Knausgårds Buch "Im Herbst" erschienen, und es wird im November "Im Winter" folgen,

"Im Frühling" und "Im Sommer" erscheinen beide im März 2018.

Es handelt sich um Briefe an sein viertes, damals noch ungeborenes Kind, dem der Norweger die Welt erklärt. Knausgaård beschreibt, wie ein Apfel schmeckt, und ein Zitat vom Herbstbeginn sei erlaubt, es ist so bezeichnend.

Die Farben Grün und Rot ziehen ihn magisch an, "und ich glaube, das ist einer der Gründe dafür, warum ich Schriftsteller geworden bin, denn ich spüre diese Anziehungskraft so stark und begreife, dass sie wichtig ist, aber mir fehlen die Worte, um es auszudrücken, und deshalb weiß ich nicht, was es ist ..." Zitat Ende.

Wir wissen es leider auch nicht.

Es hat schon auch in Skandinavien Stimmen gegeben, die den "Herbst" in die Nähe von Hans Christian Andersens Märchen von den neuen Kleidern des Kaisers gerückt haben: Nichts dahinter. Man könnte allerdings fairerweise ergänzen: … aber dieses Nichts, das hat Poesie.

Zähne sind emaillierte Steine, manchmal auch weiße Türme, Frösche auf dunkler Straße sind ebenfalls Steine, die freilich hüpfen – im Gegensatz zu den Zähnen.

Blut mit seinem frischen Rot ist ein Verwandter vom Grün des Grases und vom Blau des Himmels ...

Knausgard hat etwas Persönliches übers Pinkeln zu sagen, über Dämmerung, Blitz, Thermosflaschen, Erbrochenes, Läuse, über van Gogh, Flaubert, Toilettenschüsseln. Er setzt demnach seine berühmt gewordenen Alltagsschilderungen fort:

Als ich eine Wespe verscheuchte.

Als ich bei Björn vorbeischaute und einen Kaffee mit ihm trank.

Als ich einen Apfel mitsamt Stiel und Kernen aß.

Zwei Formen

Auf Seite 87 erklärt er genau den Kaumgummi: "Kaugummis findet man meist in zwei Formen, entweder als kleine rechteckige Kissen oder als flache, längliche Platten."

Und die Kugerln? Was ist mit den Kugerln? Manche seiner Belehrungen hält man ungeboren am besten aus.


Karl Ove Knausgård:
„Im Herbst“
Übersetzt von
Paul Berf.
Luchterhand
Verlag.
286 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: ***