© Kurt Kaindl

Kultur
03/22/2019

Karl-Markus Gauß: Mit dem Bleistiftspitzer um die Welt

Neues Buch des Salzburgers: Die "Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer" wird zu einer weiten Reise nach draußen (und in sich hinein).

„Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“ heißt das Buch, und da darf kurz die Frage auftauchen: Wie eitel ist das denn, wenn jemand von seinem Schreibtisch erzählt, der gegenüber dem Bett steht und von seinem Bleistiftspitzer in Globusform, der leider nicht mehr funktioniert?
Der Salzburger Essayist Karl-Markus Gauß - Foto oben - deckt seine Eitelkeit mit Selbstironie fast zur Gänze zu.
Außerdem: Wenn er im beengten Lebensraum auf etwas hinschaut – er ist ein Hinschauer, kein ZUschauer! –, dann treibt es ihn damit nach draußen, dann reist er in die Welt hinaus.
Und reist gleichzeitig in sich hinein: Was hat sich in seinem Ich niedergeschlagen? Was bleibt im Ich? Es ist wohl selbstverständlich, dass er die nächste ORF-Liste der besten Bücher, gewählt von Kritikern und Buchhändlern, anführen wird.
Nur ein Beispiel: Von den fadenscheinigen Servietten daheim zieht es ihn zu Vorfahren in Meran, und dann ist Karl-Markus Gauß beim Italiener Ettore Tolomei, der ihm keine Ruhe lässt.
Denn Tolomei, von Mussolini dafür geehrt, war besessen davon, alle nichtitalienischen Namen auszutilgen.
Kein Dachziegel war sicher vor der Umbenennung.
 Deutschsprachige Südtiroler hielt der Faschist für Barbaren. Er arbeitete Pläne aus, wie man  die Bauern nach Abessinien verfrachten könnte.
Lesen gefährdet die Dummheit, und bei Gauß sowieso.

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KURIER: Werden Wohnungen unterschätzt?
Karl Marus Gauß:
  Es ist ein sehr heikles Unterfangen, eine Zimmerreise oder eher eine literarische Wohnungsbesichtigung zu verfassen, wenn man bedenkt, dass so viele Menschen sich heute gar keine anständige Wohnung mehr leisten können. Darüber hinaus aber ist die Wohnung eine Aufgabe – für viele Jahrzehnte oder eben auch nur für die wenigen Monate, die man in ihr verbringt. Es geht nämlich um nicht weniger, als die Räume, die um einen sind, so sehr mit seiner eigenen Persönlichkeit zu erfüllen, dass sich diese in ihnen spiegelt und jene Zeugnis von dieser Person geben.

Spannender als Jesolo?
Ja, spannender. Wobei aber zu der eigenen Welt durchaus auch Jesolo gehören kann. Ganz so weit wie der deutsche Psychoanalytiker und Schriftsteller Ernst Augustin würde ich zwar jetzt nicht unbedingt gehen, der einmal gesagt hat: „Der Zweck des Lebens ist, sich wohnlich  einzurichten.“ Aber wenn man diesen Satz nicht besitzbürgerlich-arrogant nimmt, dann hat er schon was für sich.

Gibt es in Ihrer Wohnung einen Gegenstand, der Sie zu einem Schlenker über unsere Regierung inspiriert?
Das Einzige, was mich in meiner Wohnung an die türkis-blaue Regierung erinnert, ist der Radioapparat. Ich weiß natürlich, dass es definitiv keine Lösung ist, keine Nachrichten mehr zu hören, bloß weil es meistens derart schlechte, ärgerliche, empörende sind, die verlesen werden; aber für einen österreichischen Patrioten wie mich ist es schon deprimierend, den Kasten einzuschalten.
 
Moment, die Regierung besteht aus Patrioten!
Nein, Patriotismus ist die kritische Zuneigung zu einem Land, seiner widersprüchlichen Geschichte, seinen Leuten. In der Regierung sitzen einerseits Nationalisten, deren Lebenselixier die Abgrenzung, Ausgrenzung, das selbstzufriedene Schmoren im eigenen Saft ist und die die Geschichte Österreichs damit ja auch brutal verfälschen.
 
Andererseits?

Andererseits Technokraten der Macht, die sich für nichts interessieren als für das, was ihrer Stellung, ihrer Macht dient, und die im übrigen von einer schon demonstrativen Unbildung sind,  auch was Kultur und Geschichte des eigenen Landes angeht.

 

Karl-Markus
Gauß:
„Abenteuerliche Reise durch mein
Zimmer“
Zsolnay Verlag.
224 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-(Höchst-)Wertung: *****