© Pressefoto Hans-Peter Hösl

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09/24/2020

Kabarettist Gerhard Polt: "Demokratie ohne Humor ist undenkbar“

Kabarettist Gerhard Polt und die Well Brüder feiern 40-Jahr-Jubiläum.

von Werner Rosenberger

Kabarett meets Hausmusik. Satire als Mordsgaudi. Jetzt, wo’s Weißwurstzuzeln wieder Saison hat und die Zeit des „Herumschildkrötelns“, wie Bayerns größter Humorist echte Muße definiert, während des Corona-Lockdowns endlich vorbei ist, gibt’s ein Jubiläum zu feiern – 40 Jahre Gerhard Polt und die Well Brüder:

  • mit Live-Auftritten des Entertainers und dem subversiven Musiker-Trio aus’m Biermoos, das früher „Biermösl Blosn“ hieß, am 11. 10. im Globe Wien und am 13. 10. in Krems, nachdem „wir in vier Jahrzehnten insgesamt mehr als drei Millionen Kilometer miteinander im Auto gefahren sind“, so Polt;
  • und mit neuer CD, die 13 Titel des aktuellen Programms und einige Klassiker enthält. Wobei die Toten Hosen bei drei Stücken als Gäste mit dabei sind. Die Düsseldorfer Punk Band ist auch schon seit fast 40 Jahren mit den anarchistischen Bayern befreundet, aber diesmal nur auf Hackbrett und Zither zu hören.

„Es ist kein Best-of-Album“, sagt Polt im KURIER-Gespräch, „sondern der Mitschnitt von drei ganz unterschiedlichen Konzerten – von der Brettlbühne im Bierzelt bis zum Admiralspalast in Berlin. Es bringt ja nichts, alte Dinge aus dem Archiv zu holen. So haben wir uns für eine Momentaufnahme entschieden, die zeigt, dass wir auch nach so vielen Jahren Freunde geblieben sind und gerne miteinander auftreten.“

Abgründe des Lebens

Es gibt also keine versammelten Greatest Hits wie die Sketches „Nikolausi“ oder „Mai Ling“, aber dafür Aktuelles in Episoden aus dem Alltag. Da plündert Polt sein Figurenarsenal des gespenstischen Realismus, predigt als indischer Pfarrer Prabang oder erzählt von Helikoptermüttern, die mit ihren Kindern nur noch Englisch sprechen: „Jason, come over here and eat up your Semolina Pudding ... der soll sein’ Grießbrei fressen!“ Oder erklärt: „Es ist die Gesinnung, die den Kretin ausmacht. Der Gratler (G’frast, Anm.) führt doch den Begriff Mensch ad absurdum. Und diese Gratler werden immer mehr.“

Oder bespiegelt Abgründe, während die Well Brüder – für viele die einzig ernst zu nehmende Opposition der CSU in Bayern – den Soundtrack zum Panoptikum Bavaricum liefern: „So a Frau heiratet schnell amoi so an Deppen. Nach geraumer Zeit merkt sie natürlich, was sie sich für einen Schrott an Land gezogen hat. Und die Frauen sind zu stolz zuzugeben, dass sie den Rest von ihrem Leben an der Seite von so einem Deppen verschissen haben. Das ist für mich Tiefenpsychologie.“

Projekt „Forum Humorum“

Die Well Brüder singen dazwischen Gstanzln zur Lage der Nation und spielen ein ganzes Orchester an Instrumenten nur zu dritt. Dabei war Polt schon im Sommer einmal privat in Wien: „Da hab ich mich testen lassen, jetzt hab’ ich die Rechnung gekriegt und muss 145 Euro zahlen. Wäre ich weitergefahren nach Kroatien, wovor man gewarnt hat, wär’ mir das erspart geblieben.“

Kein Scherz, nur Realsatire.

Für ein neues Projekt in München engagiert sich Polt ebenso wie Eckart von Hirschhausen mit seiner Stiftung „Humor hilft Heilen“. Für das privat finanzierte „Forum Humor und Komische Kunst“ wird noch Geld gesammelt: „Das Gebäude – ein stattlicher Ziegelbau aus dem Jahr 1913 – gibt es schon, einen Termin mit dem Bürgermeister gab es auch schon“, sagt Polt.

Unterstützer sind der Bayerische Rundfunk, Pro7 und Sat 1, die ihren Comedy-Nachwuchs im „Forum Humorum“, so Polt, schulen lassen wollen. „Demokratie ohne Humor ist gar nicht denkbar“ für den 78-Jährigen, der überzeugt ist: „Humor macht immun gegen Radikalismus.“

Und auf aktuell Politisches verständnislos reagiert: „Viele Künstler können ihre Miete kaum noch zahlen, aber die Lufthansa bekommt neun Milliarden Euro.“

„Aber wenn ich guat g’frühstückt hab’, dann geht’s, dann resigniere ich – aber vital“, sagte Polt einmal. „Ich würd’ immer versuchen, Dinge so zu betrachten, dass ich nicht ihr Opfer bin.“ Da könnte sich doch mancher Skandalpolitiker in Österreich ein Beispiel nehmen.

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