© Deuticke/Margit Marnul

Kultur
08/04/2012

Julya Rabinowich über "Die Erdfresserin"

Ihr neuer Roman handelt von einer Russin, die als Prostituierte durch Europa zieht. Im Interview erklärt die Autorin wie sie die Welt, oder zumindest Österreich ändern würde.

von Peter Pisa

Es geht ums Überleben. Da frisst man schon manchmal Erde, um nicht ins Gras zu beißen. Oder man zieht, wie Diana, vom Osten durch Europa, zu den Raststätten und Tankstellen, um sich zu prostituieren. Diana hat studiert. Diana könnte als Regisseurin arbeiten. Sie findet keinen Job. Aber ihr geistig behinderter Sohn braucht dringend Medikamente, sonst wird er aggressiv. Und Mutter und Schwester, die müssen heizen und essen.

Die Schwester verurteilt, dass Diana "in der ganzen Welt herumhurt". Einmal sagt Diana, auf Heimatbesuch, deshalb zu ihr: Gut, sie bleibe ab sofort hier. "Wie stellst du dir das vor?"

Aus Dagestan

So geht der neue Roman Julya Rabinowichs, "Die Erdfresserin", ihr dritter. Sieben war sie (1977), als sie – Tochter von Künstlern und Dissidenten – aus St. Petersburg nach Wien kam. Als Dolmetscherin in Psychotherapie-Sitzungen fürs Wiener Integrationshaus und die Diakonie lernte sie mehrere Dianas kennen.
So um 1970 beginnt der Roman. In der Sowjetunion herrschte akuter Klopapiermangel. Man musste einen Familienausflug unternehmen, um eine Fabrik zu finden mit Standln, auf denen die Rollen verkauft wurden.
"Die Erdfresserin" zieht durch Europa in die Gegenwart. An einer leicht zu überlesenden Stelle steht: Nach dem Zerfall der UdSSR ist es die russische Republik Dagestan, aus der Diana aufbricht. Ein sehr um "Reinheit" bemühtes Land mit 30 Völkern, hauptsächlich islamisch. Mehr als 50 Prozent in Dagestan leben unter der Armutsgrenze.

Es gibt nicht allzu viele Bücher, die sich ins Langzeitgedächtnis brennen; und sind auch nicht alle Bilder dieser Odyssee Nobelpreis-verdächtig: "Die Erdfresserin" ist ein solches Buch.

KURIER: So kämpferisch waren Sie noch nie in Ihren Romanen. Was ist los?
Julya Rabinowich: Die politischen und globalen Entwicklungen verschärfen sich und zwingen einen, Position zu beziehen. Meine "Herznovelle" war eine Geschichte stillen, unglücklichen Versagens, ohne ein Risiko eingegangen zu sein. "Die Erd­fresserin" hingegen nimmt jedes Risiko auf sich. Sie ist mutig, aber in sich zerbrochen und auf sich allein gestellt, was ihr letztlich zum Verhängnis wird.

Man liest Ihre Empörung heraus.
Meine Empörung und meine Solidarität mit denen, die auf solchen verlorenen Posten stehen wie Diana, und das sind viele, waren sehr intensiv. Und auch mein Wunsch, Verschwiegenes sichtbar zu machen.

Ändern Sie Österreich. Jetzt sofort. Sie können drei Gesetze erlassen. Erstens?Verhetzung und Rassismus wesentlich härter zu ahnden, als es bis jetzt der Fall ist. Auch was die Medien anbelangt.

Zweitens?
Politiker, die verurteilt wurden oder sich Relevantes zuschulden haben kommen lassen, nicht eine einzigen Tag länger auf ihren Posten verbleiben zu lassen. Repräsentanten der Republik haben Vorbildwirkung und müssen noch strenger beurteilt werden. Politiker müssen wieder das werden, als was sie gedacht waren, nämlich verantwortungsvolle Vertreter des Volkes und keine Selbstbedienungslagerverwalter.

Drittens?
Das Humanitäre Bleibe­recht auszubauen und öfter anzuwenden, die Asylwerber gleichzeitig zu Erwerbsarbeiten zuzulassen –, um ihnen ein menschenwürdiges Leben und dem Staat eine finanzielle Entlastung zu ermöglichen.

"Das Verbleiben in der Realität erschien mir zwingend unmöglich."

Ihre Diana landet beim Geldverdienen irgendwann in Wien und wirft sich in der Wegwerfgesellschaft weg.
In Wien bleibt sie hängen. Aber Wien ist keine Enddestination, kein bewusstes Ziel für sie. Erst ganz am Schluss wirft sie sich weg. Davor wirft sie sich der Gesellschaft VOR. Erst aus Protest, um selbstständig zu bleiben, mit der Illusion, ihren eigentlichen Beruf der Regisseurin weiterführen zu können. Mit der Illusion, sie hätte eine Wahl und könnte die Rechnung selbst begleichen, um die Familie zu erhalten. Ein solches Leben ist keine einfache Rechnung, und üblicherweise geht das nicht besonders gut aus.

Am Ende isst sie Erde und will aus dem Lehm in ihr einen neuen Golem erschaffen, der sie beschützt, der ihr hilft. Warum sind Sie im Roman nicht auf dem Boden geblieben?
Das Verbleiben in der Realität erschien mir zwingend unmöglich. Die einzige Möglichkeit, einen Ausweg aus ihrer Situation zu finden, erscheint für Diana im Ausbruch aus der Wirklichkeit, wie das bei Geisteskrankheiten oft der Fall ist.

Sie sprechen aus beruflicher Erfahrung?
Das Unbewusste sucht sich solche Wege, die mit unserer bewussten Logik wenig gemein haben. In meiner Arbeit bei psychiatrischen Behandlungen habe ich das immer wieder eindrucksvoll erlebt. Der Golem, den sie imaginiert, gerät ihr ja bald außer Kontrolle, wie das mit Abspaltungen dieser Art oft der Fall ist. Die Halluzination drängt ihren Rhythmus dem Kranken auf, nicht umgekehrt.

Wie überleben Sie im Wissen um die Ungerechtigkeiten? Im Erkennen, dass es reines Glück ist, ob ich in Dagestan zur Welt komme oder in Wien-Hietzing?
Im Schreiben. Im Schreiben kann man immer überleben. Ich kann nicht viel tun, aber ich kann solche Lebensgeschichten für Unbeteiligte nachvollziehbar, erfahrbar machen – vielleicht erreicht man damit doch etwas mehr Verständnis oder gar Solidarität. Außerdem glaube ich, dass Wien-Hietzing eine größere Verantwortung bedeutet als Dagestan.

Julya Rabinowich malt auch. Es war nicht möglich, ihr eines zur "Erdfresserin" passendes Bild für diese Seite herauszulocken.
Malen ist nur zweite Wahl ihrer Mittel. Ihre Literatur sei Stillleben, Schlachtgemälde, Porträt, Akt. Der Malerei begegnet sie hingegen mit Vorsicht.

Weil: Ihr Vater Boris Rabinovich (1938–1988) hatte sich dem Malen mit Herz und Hirn ausgeliefert. Er hoffte auf Antwort, auf Zuneigung. Er kam mit seiner Malerei in Österreich nie an. Brachte ihn das um?

Julya kuratiert eine Ausstellung der Werke ihres Vaters: ab 27. Februar 2013 im Jüdischen Museum Wien. Man wird sich wundern, dass dieser Künstler übersehen werden konnte. Aber man übersieht fast alles. Man bemerkt ja auch die unzähligen Dianas nicht.

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