„Ein Film über Menschen, die verzweifelt gesehen, gehört und anerkannt werden wollen“: David Cronenbergs Satire „Maps to the Stars“ mit Julianne Moore

© /Filmladen Filmverleih

Kultur
09/09/2014

"Man sitzt und denkt: Wer bin ich?"

Schauspielerin Julianne Moore über den Alltag eines Hollywoodstars und ihren neuen Film.

Das kann nur sie. Gerade noch posiert Julianne Moore am roten Teppich vor Hunderten Fotografen, lächelt professionell, kokettiert, winkt.

Im nächsten Moment warnt sie vor der Kloake Hollywoods und spricht von der Leere des Showbiz. Der zugehörige Filmanlass: David Cronenbergs verstörend lustige Satire "Maps to the Stars" (ab Freitag im Kino), die grimmig hinter die Fassade von Hollywood, der Filmindustrie, der Stars und Starlets blickt.

Moore brilliert darin als verzweifelt um ihre Karriere ringender Star und gewann dafür sehr zurecht den Preis für "Beste Schauspielerin" in Cannes. Im KURIER-Interview erzählt sie recht persönlich über die Schizophrenie von Glamour und dem Alltag eines Hollywoodstars.

KURIER: Spielen Sie im Film einen bestimmten Star oder ein Konglomerat aus diversen Hollywood-Persönlichkeiten?

Julianne Moore: Es ist kein bestimmter Star. Aber es ist auch nicht nur ein Film über Hollywood. Es ist ein Film über Menschen, die verzweifelt gesehen, gehört und anerkannt werden wollen. Der einzige Weg dahin ist für sie Ruhm, Society-Dasein und Geld. Die Figur, die ich spiele, braucht die Außenwelt, um zu wissen, wer sie ist, weil sie innerlich leer ist. Das gibt es nicht nur in Hollywood. Auch in der Hedgefonds- oder Autoindustrie, in jeder Welt, wo sich Menschen veräußern.

Inwieweit teilen Sie diese Hollywood-Erfahrungen der Hauptfigur?

Sie ist eine sehr extreme, sehr einsame, leere Figur. Ich war nie so wie sie. Aber ich kann mich zumindest mit ihrem Wunsch identifizieren, eine bestimmte Rolle haben zu wollen. Ich erinnere mich noch gut an meine Anfangszeiten, von einem Set zum nächsten taumelnd. Am Ende des Tages kommst du in dein Hotelzimmer und empfindest nur diese schreckliche Einsamkeit, weil die Kameras aufgehört haben zu filmen. Das ist echt ein existenzieller Moment. Man sitzt da und denkt: ,Wer bin ich?‘

Und was ist herausgekommen?

Die einzige Möglichkeit, als Mensch wirklich erkannt zu werden, besteht für mich darin, in einer langjährigen Partnerschaft zu leben. Oder in der Beziehung zur Familie oder zu echten Freunden. Das ist meine Erfahrung. Wir verbinden das Geliebt-werden viel zu sehr mit Äußerlichkeiten. Am Ende hilft es dir nicht, wenn dir das Publikum applaudiert. Damit kannst du die emotionale Leere nicht auffüllen.

Was bedeutet denn für Sie persönlich Glamour?

Ich denke, David Cronenberg ist glamourös … (Zum Nebentisch rufend) … David, hörst du zu? Ich muss gerade beantworten, was Glamour ist … Ja, er ist glamourös: intelligent, witzig, ein Auteur.

Die Szene, wo Sie auf der Toilette sitzend ihre Assistentin herumkommandieren, ist sehr unglamourös und erinnert an den Mut Ihrer legendären halb nackten Szene in "Short Cuts" …

Ja, die Kostümbildnerin hat gemeint, sie werde David Cronenberg sagen, dass er die Szene rausschneiden soll. (lacht) Sie sei zu radikal. Ich finde die Szene richtig. Solcherart ist meine Figur grenzenlos wie ein Kind. Nur ein kleines Kind würde sowas tun. Gleichzeitig ist es natürlich auch ein Machtmissbrauch dieser Figur.

Was ist denn der größte Hollywood-Wahnsinn, den Sie persönlich je erlebt haben?

Wenn man eine Stunde im Auto warten muss, um zur Oscar-Zeremonie zu kommen. Das Absurde an Hollywood ist diese Kombination: Gerade ist man noch wie jedermann im Stau gestanden, im nächsten Moment muss man so glamourös über den roten Teppich gehen, als wäre man gar kein richtiger Mensch.

Sie sind 52 Jahre alt. Ist es schwieriger, gute Rollen zu bekommen, je älter man wird?

(Lacht) Na ja, mir geht es doch eh gut, finden Sie nicht? In Hollywood ist es für jeden schwierig, gute Rollen zu bekommen. Aber ja, es gibt immer mehr Rollen für Männer als für Frauen und auch mehr Rollen für junge Frauen als für ältere Frauen. Aber ich glaube, als Frau über 50 zu sein, ist in jedem Business schwierig.

Haben Sie deshalb schon lange nicht mehr Theater gespielt?

Nein, nur weil das letzte Mal so schrecklich war. Man kann Theater mit Familienleben kaum vereinbaren. Meine Tochter, damals fünf Jahre, kam um 15 Uhr nach Hause, ich ging um 18 Uhr wieder. Auch alle Wochenenden waren dahin, nein, ich habe mir geschworen, Theater spiele ich erst wieder, wenn die Kinder älter sind.

Wie darf man sich denn den Tagesablauf eines Stars vorstellen?

Ich kann nur über mich sprechen. Ich stehe um 6.50 Uhr auf, ich dusche, mache Frühstück, füttere den Geschirrspüler und die Hunde. Dann kommen die Kinder runter, mein Mann bringt sie in die Schule, dann lese ich Zeitung, mache Yoga, dann arbeite ich an Rollen oder Drehbüchern ...

Gar keine Partys oder Psychotherapie-Stunden?

Nein, die einzigen Partys, die ich besuche, sind Kindergeburtstage.

Mitarbeit: Severin Fiala