Kultur
18.01.2013

Die ganze Welt im Klassenzimmer

Acht Jahre lang porträtierte der britische Fotograf Julian Germain Klassenzimmer auf der ganzen Welt. Der nun vorliegende Bildband veranschaulicht die Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf beeindruckende Weise.

Ein länglicher Raum mit einer schwarzen oder grünen Tafel an einem Ende. Davor Tische, Sessel oder Bänke. "Das Prinzip ist überall auf der Welt gleich – und das seit Jahrhunderten", erklärt Julian Germain im Interview mit dem KURIER. „Was sich darin dann abspielt, ist eine andere Geschichte.“ Wenn das einer mit Gewissheit sagen kann, dann der Brite. Seit 2004 fotografierte Germain über hundert Klassen auf der ganzen Welt. Unangekündigt platzte er in den Unterricht und bat die Schüler um ein Bild. Hinausgeworfen wurde er nirgendwo. Im Gegenteil. Die Schüler standen bereitwillig Modell "Ich wollte keine Schnappschüsse aus dem Schulalltag. Ich wollte starke Porträts, in denen die Schüler dem Betrachter durch die Linse direkt in die Augen schauen.“

Vom Jemen über Äthiopien bis Peru: Ein Einblick in die fotografierten Klassenzimmer:

Julian Germain: Klassenzimmer

1/11

Julian Germain Klassenzimmer

Julian Germain Klassenzimmer

Julian Germain Klassenzimmer

Julian Germain: Klassenzimmer

Julian Germain Klassenzimmer

Julian Germain Klassenzimmer

Julian Germain Klassenzimmer

Julian Germain: Klassenzimmer

Julian Germain: Klassenzimmer

Julian Germain: Klassenzimmer

Julian Germain Klassenzimmer

Mehr als nur ein Klassenfoto

Das Ergebnis, das nun in „Classroom-Portraits“ (Prestel-Verlag) auf mehr als 200 Seiten vorliegt, ist eine neue Art des altbekannten Klassenfotos - ungleich stärker im Ausdruck, aufgeladen mit der Geschichte des vertrauten Raumes. „Normalerweise werden die doch vor irgendeiner Ziegelwand gemacht. Das Klassenzimmer selbst, in dem die Schüler die meiste Zeit verbringen, wird dabei ausgeblendet“, kritisiert Germain.

Genau darin liegt die Stärke dieser Bilder. Sie rufen Erfahrungen aus der eigenen Schulzeit zurück ins Gedächtnis des Betrachters: „Wo bin ich gesessen? Waren unsere Stühle auch so klein?“ – Diese Fragen kommen einem beim Durchblättern des Bildbandes unweigerlich in den Sinn. Selbst bei den Bildern aus einer Bubenschule in Saudi-Arabien – die mit ihren weißen Schuluniformen so gar nicht an den Alltag in Österreichs Klassenzimmern erinnern.

Denn so universell die gemeinsame Erfahrung Schule auch sein mag, so unterschiedlich ist ihre Ausprägung in den verschiedenen Teilen der Welt: Das überfüllte Klassenzimmer in Äthiopien und den aufgeräumten Raum der Rhodesway School in Bradford trennen Welten. Dort teilen sich die barfüßigen Kinder die klapprigen Tischchen – da sitzen uniformierte Schüler brav an ihren Plätzen.

Keine Gesellschaftskritik

An dieser Stelle könnte eine Diskussion über kulturelle Unterschiede im Unterricht, die Rolle der Lehrer oder als beliebtestes Schulaufsatzthema „Die Vor- und Nachteile von Schuluniformen“ beginnen. „In vielen Ländern dürfen Mädchen und Buben nur getrennt unterrichtet werden. Und vor allem was die Disziplin der Kinder betrifft, gibt es große Unterschiede“, klärt Germain über die augenscheinlichsten Differenzen auf. Doch darum geht es Germain in seinen Porträts nicht.

Die Kunst der Bildung

"Viele Künstler besuchen Schulen, um dann mit den Kindern zu malen oder zu musizieren. Kaum jemand geht in die Schule und macht die Bildung selbst zum Thema seiner Kunst." Die ersten Bilder entstanden bereits 2004. Damals kam Germains Tochter in die Schule seiner Heimatstadt Nottingham. Nach einer Argentinienreise im Jahr darauf, entschloss sich Germain sein Projekt auszuweiten. Acht Jahre später hatte er mehr als hundert Klassen auf der ganzen Welt fotografiert.
15 Minuten braucht er um das Bild zu choreografieren, damit es seinen Ansprüchen genügt: Jeder Schüler sollte zu sehen sein, keiner die Augen geschlossen haben oder von der Kamera abgewandt sein. Germain nennt das das „demokratische Prinzip“ seiner Bilder. „Jeder ist wichtig in dem Bild.“

Damit das Bild sowohl im Hinter- als auch im Vordergrund scharf ist, musste Germain eine Belichtungszeit von einer halben Sekunde einstellen. „Das heißt die Schüler müssen wirklich konzentriert still sitzen.“ Das sei auch der Grund, weshalb die meisten von ihnen nicht lachen würden, sondern oft sehr ernst in die Kamera blicken. „Ich selbst sage den Schülern nie, wie sie schauen sollen." Vielleicht haben die finsteren Blicke aber auch einen ganz anderen Grund: „Für den Moment, in denen ich im Klassenzimmer bin, ersetzt meine Kamera den Lehrer.“

"Classroom Portraits" von Julian Germain. Erschienen im Prestel-Verlag 2012. 208 Seiten mit 110 Farbabbildungen. 49,50 Euro.