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Interview
02/07/2014

Als "Nichtsnutz" sehr glücklich

Judith Holofernes von der Band Wir sind Helden schwingt ein leichtes Schwert.

von Brigitte Schokarth

Im April 2012 kündigten Wir sind Helden eine Pause an. Heute, Freitag, veröffentlicht Frontfrau Judith Holofernes ihr Solo-Album „Ein leichtes Schwert“. Im KURIER-Interview erklärt sie, warum sie die Platte für gesellschaftskritisch hält, obwohl die Songs sehr persönlich sind, und wie es mit Wir sind Helden weitergeht.

KURIER: „Ein leichtes Schwert“ ist schon ihr zweites Solo-Album, wobei das erste vor Ihrer Karriere mit Wir sind Helden erschienen ist. Wie unterschiedlich sind die beiden?
Judith Holofernes:
Ich denke, wenn ich damals schon die Möglichkeiten gehabt hätte, hätte das erste Solo-Album schon ein bisschen wie dieses geklungen. Denn ganz viele von den musikalischen Vorlieben, die jetzt hier hineingekrochen sind, hatte ich damals schon. Da war ich 22. Ich habe das damals aber alleine mit einem Freund aufgenommen, der Tontechnik studiert hat. Er konnte zwei Instrumente spielen, und ich konnte Gitarre spielen. Daraus wurde eine EP nur mit Gitarre, Gesang und ab und zu dazwischen etwas Löffel-Geklopfe. Ich habe davon 500 Stück aufgelegt und sie bei Konzerten verkauft.

Heute eine teure Rarität bei eBay . . .
Ich habe schon lange noch mehr geschaut, weiß also nicht, um wie viel sie jetzt ersteigert wird. Aber vor einigen Jahren haben die Leute schon so 200 bis 300 Euro dafür bezahlt.

Konnten Sie „Ein leichtes Schwert“ nicht mit der Band machen, weil es musikalisch von Rock über Blues bis Folk geht?
Judith Holofernes: Vielleicht hätte ich es mit der Band machen können, denn unser letztes Album war ein Schritt in diese Richtung. Wir hatten da auch nur analoge Sounds, kaum Synthies und nur traditionelle Instrumente. Wir haben ja nicht aufgehört, weil wir uns musikalisch nichts mehr zu sagen haben, oder uns nicht mehr leiden können. Aber wir leben in drei verschiedenen Städten. Da müssen für jedes Meeting, jede Probe zwei Leute in den Zug steigen.

Aber das war ja schon immer so.
Stimmt, das wissen die wenigsten. Früher hat das aber keine Rolle gespielt, weil wir ohnehin 200 Tage im Jahr zusammen unterwegs waren. Aber wenn man Familie hat, fünf Kinder über die Band verteilt, ist das nicht mehr machbar. Wenn es nur nach den Machbarkeiten gegangen wäre, hätte ich fünf Jahre früher - gleich nach dem ersten Kind - aufgehört. Denn das war wirklich sehr anstrengend. Ich hatte die Kinder ja immer mit auf Tour. Aber ich bin ultra-anhänglich und habe die Band immer noch sehr lieb. Deshalb bin ich froh, dass wir es noch fünf Jahre über die eigentlichen Machbarkeiten hinaus gemacht haben.

Im Song „Nichtsnutz“ singen sie davon, nichts Zielgerichtetes, Produktives zu tun. Haben Sie bei den Helden mit all den Business-Verpflichtungen einer erfolgreichen Band das Spielerische, Spontane vermisste?
Ja, sehr. Ich stand da oft unter Spannung, weil ich die weibliche Tendenz habe, es allen recht zu machen. Andererseits bin ich aber auch genetisch mit einem starken Widerspruchsgeist ausgestattet. Ich dachte oft, ist das wirklich mein Beruf? Ich schreibe Songs, ich singe und ich stehe auf der Bühne. Und dann kommt die nette Promo-Lady von der Plattenfirma, sagt, sie hätte gerne, dass ich diese und jene TV-Show mache. Aber dafür sitze ich neun Stunden im Zug, dann fünf Stunden in einem Keller-Studio eines Senders, dann eine Stunde in der Maske. Und dann gehe ich für drei Minuten auf die Bühne, von denen mir später die ganze Familie sagt, der Sound war Scheiße. Und dann fahre ich neun Stunden wieder nach Hause.

War es auch schwierig, dass in der Band immer alles demokratisch entschieden wurde?
Die Demokratie war schon gut, denn dadurch konnte uns keiner überrollen. Dazu waren wir in unseren Entscheidungen zu langsam und zu träge. Aber um für mich ein leichtes Schwert zu führen, muss ich viel tänzerischer agieren können, mehr aus dem Bauch raus entscheiden. Und das kann ich jetzt als Solistin: Ich kriege eine Liste mit den Dingen, die zu machen sind, und sage: „Nein, nein, ja, nein“. Das geht ganz schnell.

Woher kommt der Ausdruck „Schwert“ im Albumtitel? Der hat ja auch etwas Kämpferisches an sich. Ich habe aber den Eindruck, dass Sie in Ihren Solo-Songs viel persönlicher werden, weniger politische und sozialkritische Texte schreiben als bei den Helden.
Ich finde, ein Schwert ist auch ein Sinnbild für eine Entscheidungshilfe. Und im Zen- Buddhismus gibt es ja auch diesen Schwertkampf, da hat der Ausdruck viel damit zu tun, Illusionen zu zerschneiden, hängt mit Bestimmtheit und Klarheit zusammen. Auf der anderen Seite sind viele Lieder kämpferischer, als es anfangs scheint, weil ich dabei halt schon sehr albern bin. Aber etwa „Danke, ich hab schon“ ist für mich Kapitalismus-Kritik in Reinkultur ist. Da geht es darum, wie Bedürftigkeiten abhängig machen.

Bedürftigkeiten auf der materiellen Ebene?
Ja. Aber auch das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Zuspruch und Anerkennung. Alles auch Sachen, die uns als erstrebenswert verkauft werden. Der Gedanke, dass wir sie verlieren oder nicht bekommen könnten, hält uns in Angst. Und darüber wird man in der großen Masse als Gesellschaft gestaltbar. Man ist bereit, sich dafür zu versklaven. Deshalb halte ich auch „Nichtsnutz“ für Kapitalismus-Kritik in Vollendung.

Ich weiß, dass Sie meditieren und Buddhismus studieren. Deshalb dachte ich, bei „Nichtsnutz“ geht es um den buddhistischen Ansatz, immer im Hier und Jetzt zu leben.
Das natürlich auch. Meditation ist ein probates Mittel, um Bedürftigkeiten abzuschneiden. Aber für mich sind die persönliche und die politische Ebene eng verwoben. Denn auf einer politischen Ebene interessiere ich mich immer dafür, was Menschen machen, warum sie es machen, und ob es funktioniert - ob es frei macht, oder unfrei. Und sich gegen diese ewige Geschäftigkeit, das ewige Machen müssen aufzulehnen, hat nicht nur eine persönliche Ebene, sondern auch eine gesellschaftliche. Denn ein Nichtsnutz entzieht sich all dem. Und es ist ein beherrschendes Thema in unserer Gesellschaft: So vieles läuft über die Verherrlichung von Arbeit. Sich einmal zu überlegen, wie viel Selbstwertgefühl man aus seiner Arbeit zieht, und ob das berechtig ist, würde jedem gut zu Gesicht stehen.

Haben Sie eine Vision, wie sich das ändern könnte?
Ich halte Konzepte von bedingungslosem Grundeinkommen sehr interessant. Ich bin mit dem Recherchieren darüber noch lange nicht fertig, aber es lohnt sich, das einmal zu Ende zu denken. Und es gibt ja ganz viele Richtungen, aus denen Gegenvorschläge kommen. Ich habe im Moment auch noch kein allumfassendes Konzept gefunden, das der ideale Gegenentwurf zum Kapitalismus, wie wir ihn haben, sein könnte. Aber es gibt da sehr viele Strömungen – von der „Do it yourself“-Bewegung bis hin zu Leuten, die Tausch-Wirtschaften einführen. Ich finde das sehr spannend.

Die Situation mit der Band, die Sie eingangs erwähnten, wird sich nicht mehr ändern. Warum haben Sie dann nicht gleich gesagt, wir lösen uns auf?
Weil wir uns noch viel zu gern haben. Und uns auch musikalisch noch viel zu sagen haben. Meine Fantasie ist, dass wir rausfinden, dass wir aus Versehen einen Hit in Japan oder sonstwo haben und dann dort auf Tour gehen müssen.

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