Hiob nach dem Roman von Joseph Roth ab 24.2. am Burgtheater.

© Burgtheater/Reinhard Werner

Kultur
02/23/2019

Joseph Roths "Hiob": Von der Enttäuschung eines einfachen Mannes

Am 24. Februar feiert am Burgtheater die „Hiob“-Inszenierung vom Münchner Volkstheater Intendanten Christian Stückl Premiere. Was man wissen muss.

„Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle regiert“, schreibt Joseph Roth in einem Brief an seinen Autoren-Freund Stefan Zweig. Er bezieht sich auf die politische Situation im Deutschland der späten 20er und frühen 30er Jahre, die ihn, den gefeierten Feuilletonisten und Schriftsteller, dazu bewegen das Land zu verlassen und sich ins Pariser Exil zu begeben. Dort, fern der Heimat, verfasst er "Hiob", den "Roman eines einfachen Mannes." Es sind klare, schlicht gewählte Worte, die das Ausmaß von Desillusion, Schmerz und auch Verzweiflung zum Ausdruck bringen, welches Roth zur sofortigen Emigration bewegt haben muss. Ein selbstgewähltes Schicksal als Reaktion auf einen fremdverschuldeten Schicksalsschlag. Ein Sujet, dass sich in dem "Märchen der Moderne", wie die Burg titelt, zweifelsohne aufdrängt. Die Gegengleichheit von „Himmel“ und „Hölle“, als Anfang und Ende eines Vakuums der Orientierungslosigkeit - es geht um Gottvertrauen, Enttäuschung und Heimatverlust.

Zur Handlung: Gleichgültigkeit als Gottvertrauen

Mendel Singer, gespielt von Peter Simonischek, lebt mit seiner Frau Deborah (Regina Fritsch) und seinen drei Kindern Jonas (Oleg Tikhomirov), Schemarjah (Christoph Radakovits) und Mirjam (Stefanie Dvorak)  in Zuchnow, einem fiktiven Schtetl des noch-zaristischen Russlands. Er ist Lehrer - gottesfürchtig, genügsam und sein Leben bestreitend ohne, dass es besonders wäre. Er hat nicht viel, er braucht nicht viel, er betet eigentlich nur viel. Dann wird dem Ehepaar ein weiteres Kind geboren, Menuchim (Tino Hillebrand). Der kleine Junge leidet an Epilepsie und Entwicklungsstörungen. Im Schtetl wird er beäugt, von seinen Geschwistern wird er misshandelt und nie spricht er einziges Wort. Deborah versucht vergebens, eine Heilung durch Wunder herbeizuführen, Mendel Singer jedoch vertraut darauf, dass allein Gott über das Schicksal seines Sohnes entscheiden wird. Er tut nichts, gelähmt durch seinen Glauben.

Dilemma als Handlungszwang

Dann werden die Söhne zum Militär berufen, die Singers schaffen es jedoch, den jüngsten nach Amerika zu schicken. So muss nur einer entgegen des väterlichen Glaubens in die Armee. Als Tochter Mirjam allerdings eine Affäre mit einem Kosaken beginnt, ist das für Mendel Grund genug, den kränklichen Menuchim bei Nachbarn zurückzulassen und mit der verbleibenden Familie nach Amerika zu emigrieren. Getrieben von Enttäuschung, man erinnere sich an den Brief des Autors.

In Amerika, dem hochgelobten Land, wird Mendel jedoch lediglich physisch richtig ankommen und seine Familie in letzter Instanz völlig auseinanderbrechen. Er verliert alles: Familie, Heimat und Glauben. Dabei geht die Frage nach dem „Warum“ Hand in Hand mit dem Jähzorn ob der durchlittenen Schicksalsschläge. Er bereut zutiefst, seinen einzigen verbleibenden Sohn für die Emigration zurückgelassen zu haben. Warum Mendel, warum Menuchim, warum passieren überhaupt "furchtbare Dinge" – oder vielmehr warum entscheiden wir uns immer wieder dazu, furchtbare Dinge zu tun.

Warten auf Wunder

Es ist die vergebliche Suche nach Antworten auf die Fragen, die sein enttäuschtes Gottvertrauen aufwerfen. Denn enttäuscht wird er in vielem, immer wieder und von fast jeder Figur der Erzählung. Am Rand der uferlosen Einsamkeit erträgt er das Vakuum nicht mehr, er bricht mit seinen Ansichten. Doch erst dieser Bruch, der Mut zur ehrlichen Enttäuschung ist das, was ihn zurück zu sich und somit auch zu seinem Gott führt. Am Ende ist es die Desillusionierung, die die Illusion Wirklichkeit werden lässt und das Warten auf ein Wunder belohnt.

Roth behandelt in seinem Exil-Roman zwei zentrale Themen. Zum einen jenes der Theodizee, will heißen, wenn "Gott" allmächtig und gütig ist, warum unternimmt er dann nichts gegen das Leid der Menschheit? Zum anderen das der Migration, des Heimat- und damit einhergehenden Identitätsverlustes und bietet damit eine weitere (wenn auch nicht neue) Perspektive auf das Top-Thema der Gegenwart. Die Figur des alttesttamentarischen Hiob dient ihm als exemplarisches Beispiel dafür, dass grenzenloses Vertrauen in eine höhere Macht belohnt wird - wahrlich märchenhaft. Welchen Fokus die Produktion unter Stückl setzt, bleibt abzuwarten. Doch der mahnend über allem schwebende Leuchtreklamen-Amerika-Schriftzug lässt den Blick nach oben wandern.

Info:

Hiob nach dem Roman von Joseph Roth.

Premiere: 24. Februar, 19:00 Uhr.

Weitere Vorstellungen: 25., 28. Februar jeweils 19:30 sowie 2.,7.,19. und 26. März um 19:30 bzw. 20:00 Uhr.