Kultur
26.01.2018

Josefstadt-Theater: Bloßfüßig im Trachtenjanker

Die wirkliche Uraufführung steht noch aus: Regisseur Herbert Föttinger misstraute dem Volksstück "Fremdenzimmer" von Peter Turrini.

Peter Turrini ist ein sentimentaler Hund. Es zerreißt ihm das Herz, wenn sich zwei Menschen nichts mehr zu sagen haben. Und er will partout nicht akzeptieren, dass die Fremden die Bösen sind.

In seinem Stück " Fremdenzimmer" vermag er beide Probleme zu lösen – mit einem Flüchtling als Deus ex machina. Denn Samir, ein junger Mann, steht plötzlich in der Gemeindebauwohnung von Herta Zamanik und Gustl Knapp, deren Leben schon seit Langem sinnentleert ist. Zunächst dient er, aufgrund falscher Angaben von der Polizei gesucht, als Projektionsfläche für Vorurteile und Xenophobie. Doch dann folgen mehrere Initiationsriten typisch österreichischer Art. Und schließlich sucht die Schicksalsgemeinschaft ihr Heil in der Imagination einer besseren Welt. Dass diese Geschichte ganz traurig ausgehen wird, lässt Turrini, der Hundling, ausgespart.

Leider hat Herbert Föttinger, Direktor des Theaters in der Josefstadt, dem Text, im Untertitel als "Volksstück" bezeichnet, nicht getraut. Oder er hatte nicht den Mut, die "kleinen Leute" so zu zeigen, wie Turrini sie gezeichnet hat. Das fängt schon bei der tragischen Figur des Sozi Gustl Knapp an, der als Postler mit den modernen Zeiten nicht zurande kam; laut seiner Lebensgefährtin sei er, unfreiwillig frühpensioniert, "geizig wie ein Groschenjud".

Doch manchmal ...

So steht es jedenfalls in der Buchausgabe von "Fremdenzimmer", veröffentlicht im Haymon Verlag. Im mehr oder weniger nackten Bühnenhaus des Theaters hingegen bastelt er keine billigen Papierflieger: Erwin Steinhauer darf sich als Wutgrantler eine propere Achtkanalfernsteuerung umschnallen, um die rot-weiß-rot-lackierte Cessna abheben zu lassen.

Regisseur Föttinger lässt die Herta auch nicht Helene Fischer mitträllern, obwohl die Schnulze "Und morgen früh küss’ ich dich wach" genau ihre Sehnsüchte auf den Punkt bringt: "Du musst mir nicht ganz gehören / Doch manchmal brauch’ ich dich." Nein, Ulli Maier muss als Karaoke-Darbietung unter der Discokugel amüsant kieksend den ABBA-Hit "The Winner Takes It All" nachsingen, der vom definitiven Ende einer Beziehung handelt.

Derart fatal geht es weiter. Im Originaltext kleidet Herta den verschreckten Flüchtling Samir mit einem uralten Franz-Klammer-T-Shirt ein; dieses hatte ihrem verschollenen Sohn gehört, auf deren Rückkehr sie seit Jahrzehnten wartet – und für den sie daher im Gästezimmer immer ein frisch gemachtes Bett bereit hält. Kostümbildnerin Birgit Hutter hingegen steckt Tamim Fattal vollkommen unpassend einen Trachtenjanker – und bindet ihm auch noch eine Krawatte um; bloßfüßig aber muss er weiterhin bleiben.

... brauch ich dich

Mutwillig hat Föttinger das naturalistische "Volksstück" auf eine andere, eine abstrakte Ebene gehoben. Mutwillig hat er den Fluss mit grellen Whiteouts unterbrochen (als würde er einen Thriller erzählen). Und mutwillig hat er Turrini das sentimentale Ende abgestochen. Denn Gustls Herz schmilzt nicht, wie im Originaltext, beim gemeinsamen Schnapsen: Samir repariert behände die Fernsteuerung, und dann vollführt der Flieger die schönsten Loopings. Das muss für den Autor eine ziemliche Erniedrigung gewesen sein: Just für diese Zirkus-Szene, die gar nicht von Turrini stammt, gab es bei der Premiere am Donnerstag den einzigen Szenenapplaus.

Vollends unverständlich bleibt, warum Föttinger die Charaktere umgedeutet hat. Denn gegen Ende, nachdem sich die geschundenen Kreaturen wieder gefunden haben, träumen Herta, die Samir als Ersatzsohn vereinnahmt, und Gustl von einem Gasthausbesuch. Bei Turrini sagt Herta: "Den Samir müssen wir mitnehmen." Gustl willigt ein: "Wenn du unbedingt willst." Bei Föttinger hingegen ist es genau umgekehrt – wohl um dreimal zu unterstreichen, dass sich der Sozi Gustl vom Saulus zum Paulus gewandelt hat.

Auch wenn Steinhauer und Maier berührende Momente gegen das Konzept herausspielten, auch wenn es viel zu lachen gab, weil Föttinger gnadenlos jede Pointe verwerten ließ: Die wirkliche Uraufführung von Turrinis Volksstück "Fremdenzimmer" steht noch aus.