Kultur
05.12.2011

José Saramago: Göttlicher Grantscherben

Auch der letzte Roman sorgte inPortugal für einen Skandal: Der Atheist machte sich übers Alte Testament lustig.

Fassen wir zusammen, was José Saramago, Nobelpreisträger von 1998, einst im KURIER-Interview gesagt hat:

1.) Die Menschen haben bisher nichts anderes gemacht als sich gegenseitig zu massakrieren.
2.) Dagegen helfen auch die Religionen nicht, weil eine todbringende Krankheit in uns allen steckt - der Durst nach Macht.

Und Gott? Gott ist überfordert. War schon bei Adam und Eva so: Hat sich gewundert, dass die nicht reden können. Hat ihnen dann nachträglich, verärgert über seinen Fehler, Zungen in den Mund gesteckt.

So beginnt "Kain" , der letzte Roman Saramagos. In Portugal konnte er ihn noch vorstellen. Danach, Juni 2010, verließ der Atheist diese Welt, die für ihn Hölle bedeutete. 87 war er.
"Kain", ab kommenden Dienstag in der Übersetzung von Karin Schweder-Schreiner erhältlich, ist eine Parodie aufs Alte Testament. Tief geht das diesmal nicht. Der Roman "Das Evangelium nach Jesus Christus" (1991) war ein ganz anderes Kaliber: gerichtet gegen die Amtskirche - vom Vatikan zur Blasphemie erklärt.

Der Vatikan hat deshalb später sogar die Nobelpreis-Vergabe laut kritisiert.
Saramago konterte: "Die sollen sich um ihre eigenen Sachen kümmern."

Proteste in Portugal

Auch der vergleichsweise harmlose "Kain" - harmlos, weil so unernst, oberflächlich und mitunter kindisch - sorgte in Portugal für Proteste.

Ein (sozialdemokratischer und noch viel kindischerer) Politiker forderte den Schriftsteller auf, die Staatsbürgerschaft abzugeben. Saramago war längst nach Lanzarote übersiedelt.
In seiner Provokation stellt er Gott als Grantscherben dar, desinteressiert an dem, was auf Erden geschieht - allerdings ist er einer Diskussion mit jenem Mann, der Bruder Abel umgebracht hat, nicht abgeneigt. Er übernimmt sogar Mitverantwortung.

Kain - von einem ständig kommentierenden Erzähler beobachtet - zieht sodann durch bekannte Bibelgeschichten, richtet auf der Arche ein Blutbad an und greift ein, wenn Gott wieder einmal zu langsam ist.

Z. B. rettet er Isaak, den Abraham ohne Aufmucken geopfert hätte. (Der Engel war zu langsam.) Aus diesem Anlass lässt sich im Buch freilich darüber reden, was denn das für ein Gott ist, der Idiotisches angeschafft hat.

Ein stilsicheres, aber kein großes Finale des großen Saramago (so sehr kann einem Gott gar nicht fremd sein). Fragen, die er aufwirft, schreien immer lauter nach ernst zu nehmenden Antworten.

KURIER-Wertung: *** von *****