© Wilhelm Schraml

Interview
12/05/2011

José Carreras: Zum Singen geboren

Am 14. Oktober singt der Startenor im Konzerthaus. Im KURIER-Interview spricht er über seine Pläne und seine Liebe zu Wien.

Wer an Musik denkt, denkt auch an José Carreras. Wie wenige andere Künstler hat der Tenor die Opernwelt geprägt; sein Auftritt in Wien steht unter dem Motto "Liebe und Leidenschaft".

KURIER: 2004 haben Sie zum vorerst letzten Mal Oper gesungen. Warum ist das so lange her?
José Carreras: Ich muss jetzt sehr offen und direkt sein. Das übliche Repertoire, dass ich in den 70ern, 80ern und 90ern gesungen habe, könnte ich mit Sicherheit nicht mehr so wie vor 30 Jahren machen. Der Standard, den sich Leute von mir erwarten, ist der Grund, warum ich entschieden habe, mich auf Konzerte zu konzentrieren. Das bedeutet nicht, dass ich nicht einmal wieder mit Freuden an einer Opernproduktion teilnehme.

Gibt es konkrete Pläne?
Es gibt eine Oper, die gerade im Entstehen ist, erste musikalische Proben sind aber vielversprechend. Ich kann nur soviel sagen, dass die Geschichte in Spanien spielt. Es ist eine ganz starke, authentische Story. Wenn alles klappt, könnte im Frühjahr 2013 Premiere sein.

Das Konzert in Wien, das Sie am 14. Oktober geben, trägt den Titel "Liebe und Leidenschaft". Ist Singen immer noch Ihre Leidenschaft?
Oh ja. Es ist mein Beruf, meine Berufung, mein Hobby. Ich glaube ehrlich, dass Singen das ist, wofür ich geboren wurde.

Sie waren elf Jahre alt, als Sie zum ersten Mal auf der Bühne gestanden sind ...
Schon da wollte ich Opernsänger werden.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrer Stimme?
Ich bin einfach dankbar für meine Stimme, selbst wenn sie manchmal launenhaft ist. Ich bin dankbar, dass mir meine Stimme die Möglichkeit gegeben hat, ein solch wundervolles Leben führen zu können.

Was tun Sie für die Stimme?
Ich glaube, dass es für jeden Sänger sehr wichtig ist, in Bezug auf seine Stimme sehr diszipliniert zu sein. Mit den Jahren lernt man, was für die Stimme gut oder nicht gut ist. Du weißt, dass es nicht gut ist, zu viel zu sprechen, wenn du singen muss. Du weißt, dass es unverzichtbar ist, die richtige Anzahl an Stunden zu schlafen. Du weißt, was du vor einer Aufführung trinken oder nicht trinken darfst. Was du essen musst, welche Übungen du machen musst, welche Art der Konzentration du brauchst. Ich glaube, dass das fundamental ist.

Wird die Stimme auch älter mit den Jahren?
Natürlich wächst die Stimme mit einer Person, einem Körper, mit. Die Zellen sind einer Veränderung unterworfen, und das hat auch Einfluss auf die Stimme. Bei manchen Leuten machen sich diese Veränderungen bemerkbar, bei anderen wiederum nicht. Mir fällt da Luciano Pavarotti ein, 2004 war das, als er sein letztes Konzert sang, da hat er wie ein Mann im Alter von 40 Jahren geklungen. Oder als Domingo "Il Postino" gesungen hat, da war er in einer fantastischen Verfassung, da hätten Sie, wenn Sie nur seine Stimme gehört hätten, nie angenommen, dass das ein Mann seines Alters gesungen hat. Also, das ist wie bei schönen Frauen, sie kombinieren Alter mit einem bestimmten Stil, und sie werden auf einmal noch schöner.

Sie werden im Dezember 65 Jahre alt.
Das Alter ist für mich nur eine Zahl. Ich bin noch immer sehr aktiv in meiner Stiftung, voll aktiv in meinem Privatleben mit meiner Frau, mit meiner Tochter und meinem Sohn, mit meinen Enkelkindern. Also, ich habe ein sehr erfülltes Leben.

Wie geht es Ihrer Leukämie-Stiftung? Sie haben ja bis dato 200 Millionen Euro gesammelt ...
Gut, danke. Es gibt Carreras-Tageskliniken, Forschungsprojekte und gerade wird für zwölf Millionen Euro ein Forschungszentrum bei Barcelona gebaut, wo in zwei Jahren 30 Wissenschaftler forschen werden. Aber wir sollten niemals sagen: "Nun ist das vollbracht." Denn bedauerlicherweise verlieren wir immer noch zu viele Leukämie-Patienten, auch wenn sich in den letzten Jahren prozentual viel verbessert hat. Aber bevor diese Krankheit nicht vollständig ausgelöscht ist, ist noch nicht genug getan.

Kehren wir zur Oper zurück: Ist die Oper heutzutage eine versteinerte Kunstform?
Wir sprechen von Meisterwerken. Wir leben von dem
Repertoire, das Genies wie Mozart, Wagner oder Verdi für uns komponiert haben. Und von diesem Repertoire, das durchaus umfangreich ist, lebt die Oper. Was im Bereich der zeitgenössischen Oper passiert, ist eine andere Geschichte. Das Publikum kennt sich mit zeitgenössischer Musik nicht besonders gut aus und ist deswegen eher zurückhaltend. Die Direktoren der Opernhäuser wissen das und nehmen folglich nicht viel Zeitgenössisches in ihr Programm auf.

Wer sind neue Startenöre?
Ich habe Tenören zugehört, die ich für exzellent halte. Ich rede von Flórez, Kaufmann, Alagna, Villazón, etc. Das sind großartige Künstler. Aber wir sprechen von Oper, von Performance, vom Singen, da braucht es ein gewisses Plus. Wenn Pavarotti die Bühne betrat, hatte er das Publikum, bevor er den Mund aufmachte, in seiner Westentasche.

Was halten Sie von Anna Netrebko? Glauben Sie, dass ihr Bekanntheitsgrad die Oper einem breiteren Publikum geöffnet hat?
Ich glaube, wenn ein Name in jedem Haushalt bekannt ist, dann sind die Menschen auch interessiert, was dieser Name macht. Ich glaube, dass das, was Frau Netrebko anbietet, ein wundervolles Paket ist: Ihre Stimme, ihr Gesang, ihre Technik, ihr Aussehen, ihre Darstellung. Möglicherweise ist es das, was das Publikum heutzutage mehr überzeugt als alles andere.

Nächstes Jahr werden Sie wieder bei den Salzburger Festspielen auftreten. Wie ist das zustande gekommen?
Alexander Pereira hat mich eingeladen. Ich habe 2010 ein Benefizkonzert für meine Stiftung in Zürich gesungen, und er hat gesagt: "José, ich wäre sehr glücklich, wenn Sie für mein erstes Jahr nach Salzburg kämen." Ich habe natürlich zugesagt. Ich freue mich sehr auf die Festspiele und zuvor auf das Wien-Konzert. Für mich ist es der Höhepunkt der Saison, nach Wien zu kommen.

Ist es für Sie, als würden Sie nach Hause kommen?
Ja. Wien hat das beste Publikum der Musikwelt. Aufgrund des Wissens, aufgrund des Respekts, den das Wiener Publikum für die Künstler empfindet und auch deswegen, weil sich das Wiener Publikum nicht davor scheut, seinen Enthusiasmus zu zeigen. Und als Künstler schätze ich das sehr.

Das ist ein großes Kompliment ...
Nein, das ist die Wahrheit.

José Carreras: "Liebe und Leidenschaft"

Konzert
Am 14. Oktober singt José Carreras im Wiener Konzerthaus. Beginn: 19.30 Uhr. Motto des Abends: "Liebe und Leidenschaft". Carreras hat dafür die schönsten Lieder und Arien zusammengestellt. Begleitet wird der Startenor vom Orchester der Volksoper Wien unter der Leitung von David Gimenez. Seine Partnerin ist die Sopranistin Sylvia Schwartz, mit der er auch Duette singen wird. Veranstalter: Peter Kupfer Kultur & Media EAI GmbH.

Ehrung
Bereits am 13. Oktober wird José Carreras geehrt. Im Wiener Rathaus erhält er von Bürgermeister Michael Häupl die Goldene Ehrenmedaille der Stadt Wien. Eine Auszeichnung, die ihm nach eigenem Bekunden "sehr, sehr viel" bedeutet.

CD
Zum Wien-Konzert wird auch eine neue CD erscheinen.

Stiftung
Weitere Information en zum Kampf gegen Leukämie unter www.carreras-stiftung.de

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