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Kultur
08/04/2012

Jorge Amado: Vom Hausmeister zum Professor

Wenn heute auch Paulo Coelho für die Literatur Brasiliens zu stehen scheint: Es gab da einen anderen, den man neu entdecken kann: Jorge Amado

von Peter Pisa

In der brasilianischen Küstenstadt Salvador da Bahia – kurz "Bahia" genannt, wie der ganze Bundesstaat – ist am 10. August damit zu rechnen, dass die Geister seiner rund 3500 Romanfiguren herabsteigen und gemeinsam mit den Lebenden feiern werden: Der Schriftsteller Jorge Amado (1912–2001) wäre 100 geworden. Im deutschsprachigen Raum ist er in Vergessenheit geraten.

Der deutsche Kulturwissenschaftler Henry Thorau erinnert sich an eine Lesereise, die den Brasilianer 1987 nach Westberlin führte: Sein Auftritt fand in einem ehemaligen Bordell statt. Jorge Amado sei begeistert gewesen. Etliche seiner Romane spielen in Freudenhäusern ("Gabriela wie Zimt und Nelken", "Dona Flor und ihre zwei Ehemänner"). Hier konnte er dramatisch werden und bunt sein, die Frauen erforschen und Vodoo betreiben, mit Hirn und Bauch schreiben – und es war für ihn nicht beleidigend, wenn man ihn "Unterhaltungsschriftsteller" nan­nte, im Gegenteil.

Ein Minimum an Literatur reiche. Hat er gesagt. Ein Maximum an Redlichkeit sei wichtiger.
Seine dicke Satire "Die Werkstatt der Wunder" stammt aus 1969 und erschien 1972 in einer DDR-Ausgabe. Neu übersetzt aus Anlass des Geburtstags, stehen wir vor dem Denkmal, das Jorge Amado den einfachen Leuten von Bahia gebaut hat: Alle sind sie Dichter, ob Heiligenschnitzer oder Hure.

Als wäre es ein Dokument, wird von einem lebenslustigen Sandler erzählt. Einem Mulatten – in Lateinamerika wird das Wort für Menschen mit einem weißen und einem schwarzen Elternteil wertneutral verwendet. Viel gesoffen hatte er, noch mehr geredet, weise geredet: In besten Jahren verdiente Pedro Archanjo als Hausmeister an der Uni sein Geld. Vier dünne Büchlein über Bahia waren von ihm erschienen, Auflage 150 Stück. Bevor er tot auf der Straße umfiel, wohnte er in einem Kammerl im Bordell.

 

Immer Samba

... und 25 Jahre später kommt so ein amerikanischer Nobelpreisträger daher und verkündet: Dieser Archanjo, der sei eine Leuchte gewesen. Ein Gelehrter. Ein Universitätsprofessor. Mindestens.

Politik, Kultur, Wissenschaft – alle vereinnahmen den Toten und sind zu dumm, um zu merken: Der stand nie auf ihrer Seite, der Seite der Oberschicht und ihrer Rassenideologie. Er predigte die Vermischung von Schwarz und Weiß: Auf diesem Fundament stehe die brasilianische Kultur.
Jorge Amado spottete in viele Richtungen, in zu viele. Er verzettelte sich. Aber immer, und das ist die Hauptsache, ist Karneval, und er tanzt Samba mit den Lesern.

Peter Pisa

KURIER-Wertung: **** von *****

Alex Capus: "Skidoo" macht wieder Lust auf Western

Nach seinem beglückenden Liebesroman "Léon und Luise" brauchte der 51-jährige Schweizer zur Abwechslung rauchende Colts. Ob sich Alex Capus für "Skidoo" tatsächlich in amerikanischen Geisterstädten aufgehalten oder bloß in amerikanischen Zeitungsarchiven gestöbert hat, merkt man fast nicht.

Ist aber auch egal. Manche der Geschichten sind so stark, dass man sich über das rasche Abfeiern fast ärgern könnte.
Dass Capus dabei einen Zusammenhang zwischen dem Wilden Westen und Olten, dem Ort seiner Kindheit im Kanton Solothurn, konstruiert, hat ihm bestimmt Spaß gemacht.

Skidoo, Panamint City, Salt Wells – das sind Orte im Death Valley, die einst wegen der Goldminen geblüht haben. Wunderbar (für einen guten Erzähler), dass hier ein Mörder gleich zwei Mal gehängt wurde.
Noch besser, dass hier in der Wüste ein Erfinder erfroren ist: Seine Rüstung gegen die Sonne – mit Badeschwämmen! – hatte einfach zu perfekt funktioniert ...
Die Lust auf Western, die einem schon in den 1970er-Jahren vergangen ist, wird wieder größer.

Peter Pisa

KURIER-Wertung: **** von *****

Erri de Luca: "Montedidio"

Der italienische Kritiker-Kollege hat schon recht, de Luca meißelt mit Worten Skulpturen.
Persönlich gefällt der Gedanke: Er schlägt den Hammer, bis nur noch eine Träne, ein Schmetterling, ein Kuss übrig bleibt – etwas Federleichtes; obwohl aus Granit, schwebt sein Werk.
"Montedidio"
ist jener Roman, mit dem der Sizilianer 2001 in Italien bekannt wurde. Monte di Dio, der Berg der Götter, ist der älteste Teil Neapels. Von hier aus könnte der Mensch in die Luft steigen und fliegen. Nach Jerusalem etwa, wie es sich der jüdische Flickschuster Don Rafaniello so wünscht. Er hat einen Buckel. Da drinnen sind seine Flügel versteckt.

Arme, fleißige Leute im Jahr 1960 lernen wir hier kennen. Der Mensch könnte sich neu schaffen. Zwei ganz Junge haben gute Chancen, dass es gelingt. Sie haben die Wahl, wie sie als Erwachsene sein wollen. Der namenlose Ich-Erzähler ist 13, ein Tischlerlehrling. Maria aus der Nachbarwohnung ist auch nicht älter, wurde aber vom Hausbesitzer missbraucht.

Sie sitzen auf dem Dach und erkennen: Wer allein ist, ist weniger als einer. Der Bub trainiert mit seinem Bumerang. In der Neujahrsnacht wird er das Holz werfen und so nach den Sternen greifen. Das Böse aber wird abstürzen. Schön wär’s.

Peter Pisa

KURIER-Wertung: ***** von *****

Julie Otsuka: "Wovon wir träumten"

"Männer sind eigentlich ziemlich einfach", behauptet eine ehemalige Tänzerin aus Nagoya. Gebannt lauschen die anderen japanischen Frauen auf dem Schiff nach Amerika ihren Schilderungen. Sie alle verlassen Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Heimat, um zu ihren Ehemännern zu ziehen, von denen sie bloß ein Foto besitzen: Die Bräute sind Katalog-Bestellungen ...

Jungfrauen sind sie, ahnungslos, was die Hochzeitsnacht betrifft; was Amerika betrifft. Trotzdem überwiegt die Zuversicht, denn "selbst die Zögerlichsten mussten zugeben, dass es besser war, einen Unbekannten in Amerika zu heiraten als mit einem Bauern aus dem Dorf alt zu werden."

Die Männer sind dann doch nicht die strahlenden Helden von den Fotos, das Leben oft nicht minder beschwerlich als in Japan.

Die Kalifornierin Julie Otsuka recherchierte ihre Einwanderungsgeschichte "Wovon wir träumten" ausführlich (und bekam dafür den PEN/Faulkner Award 2012). Ihre Eltern stammen aus Japan.

 

Wir Frauen

Melancholisch-poetisch porträtiert sie die vom Schicksal zusammengeschweißte Gruppe Frauen und verwendet die "Wir"-Perspektive. Hoffen und Bangen. Tradition und Assimilation.

Häufig entlockt Julie Otsuka dabei ein Schmunzeln, etwa wenn sie das Amerika-Bild der meisten Japaner präsentiert.

Kalt lassen einen die schonungslosen Einblicke in die unbekannte Lebenswelt der Einwanderer jedenfalls nie: "... das Baby war bereits im Bauch gestorben, und wir begruben es, nackt, neben einem Bach auf den Feldern, aber seither sind wir so viele Male umgezogen, dass wir uns nicht mehr erinnern können, wo es liegt."

Ursula Rathensteiner

KURIER-Wertung: ***** von *****

Zu schräg, zu unkorrekt, erstklassig niveaulos: Cartoons

Das geht seit Jahren so: Zwar druckt das amerikanische Magazin The New Yorker jede Woche 15 bis 20 Cartoons ab (es gibt einen eigenen Cartoon-Redakteur), aber die meisten angelieferten Arbeiten schaffen es nicht ins Heft. Weil sie zu schräg oder zu unkorrekt oder unverständlich oder niveaulos sind. Etwa, wenn dem Papst zugeflüstert wird, dass Samstag in der Nacht die Nonnen bereit sind, ihr Bad zu nehmen. Oder wenn ein Mädchen zum Vater sagt: "Ich habe heute ein wichtiges Casting. Hast du mein Diaphragma gesehen?" So etwas ist ganz und gar unmöglich; und funktioniert in Buchform großartig. Nun ist die zweite Sammlung an abgelehnten Lieblingswitzen erschienen. Erstklassig pfui.

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