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Kultur
08/12/2019

Jen Bender von Grossstadtgeflüster: Ungeschminkt schöner

Das Berliner Trio spricht über Alltagssexismus, fehlende Empathie und den Lebensratgeber „Trips&Ticks“

30 Millionen Mal wurden die Songs von Grossstadtgeflüster angeklickt, seit die Berliner 2015 den Song „Fickt-Euch-Allee“ veröffentlicht haben. Mit ihrem kantigen, von leidenschaftlich-bissigen Mecker-Raps gekrönten Electro-Pop stiegen Jennifer „Jen“ Bender, Raphael Schalz und Chriz Falk damals vom Indie-Geheimtipp zu einem populären Act auf. Nach mehreren EP-Veröffentlichungen bringen Grossstadtgeflüster am kommenden Freitag wieder ein Album auf den Markt. Und dabei wird fröhlich und humorvoll weiter gemeckert.

KURIER: Was hält die Songs von „Trips&Ticks“ thematisch zusammen, dass Sie sie gesammelt als Album rausbringen wollten?

Raphael Schalz: Generell denken wir viel über das Schlamassel nach, dass man als Mensch seinen Freiraum braucht, und dass eine Gesellschaft, in der der Mensch nur funktioniert und nicht auf sich selbst achtet, nicht erstrebenswert ist. Sobald man das aber in seine Lebensphilosophie einbaut, hat man das Problem, dass man ein bisschen egoistischer wird. Es geht auch darum, zwischen Regeln, die von Obrigkeiten nach unten gegeben werden und keinen Sinn machen, und Regeln, die für die Gesellschaft wichtig sind, zu unterscheiden.

Wie lösen Sie das Problem?

Jen Bender: Das ist die Realität des Zusammenspiels der Menschheit: Mein Paradies ist deine Hölle! Ich glaube, Rücksichtnahme ist da das Schlüsselwort. Und ich glaube, was grundsätzlich schon gut funktioniert, ist, dass der Mensch in der Lage ist, empathisch zu sein. Und zwar auch gegenüber Menschen, die er noch nie gesehen hat.

Ich sehe diese Fähigkeit, Empathie zu empfinden, eigentlich gerade stark schwinden.

Jen Bender: Ja, das ist halt das Ding mit der Realität. Für mich ist das situationsabhängig. Ich bin im Großen und Ganzen ziemlich misanthropisch und habe den Glauben an die Menschheit verloren. Aber es gibt immer wieder Menschen und Momente, wo ich denke: Wow, das ist schon toll! Ich pendle zwischen diesen Extremen hin und her. Das hört man auch auf der Platte: Wir finden keine Mitte zwischen Menschenhass und Menschenliebe.

Aber Sie haben für den Song „2080“ eine schöne Utopie der Gesellschaft entworfen. Glauben Sie, dass die bis dahin Realität wird?

Jen Bender: 2080 ist mein 100. Geburtstag, und das wünsche ich mir dafür.

Raphael Schalz: Man denkt immer, die Zukunft wird zeigen, ob die Optimisten oder die Pessimisten Recht haben. Aber es gibt keine Zukunft, die schon so entschieden ist. Jeder Mensch hat mit jeder Handlung und jedem Satz Einfluss darauf. Bei unserer Intelligenz als Spezies sollte es uns möglich sein, Sexismus, Rassismus, Homophobie und jedes Niedermachen von Minderheiten zurückzudrängen, uns darauf zu einigen, dass es gut ist, wenn alle Menschen ähnliche Startchancen haben, und entsprechend die Politiker wählen, die darauf hin arbeiten.

In „Diadem“ sprechen Sie Sexismus an und karikieren die eingefahrenen Rollenbilder von Mann und Frau. Spüren Sie, Jen, im Alltag Sexismus?

Jen Bender: Ja, schon. Wenn ich sage, was ich will, heißt es: Die Zicke, die hat wieder ihre Tage! Direkt sagt mir das keiner, aber passiv kriege ich das schon mit. Ich habe zum Glück so tolle, emanzipierte Leute in meinem Umfeld – Männer und Frauen –, dass ich das nicht als degradierend und herabwürdigend empfinde. Ich plädiere für ein Selbstverständnis, das eigene Wohlempfinden voranzustellen. Wenn ich mit Jogginghosen ungeschminkt rausgehe und meinen Bauch raushängen lasse, heißt es schnell: Das ist männliches Verhalten. Aber muss ich denn ständig in den Presswehen liegen, um klar zu machen, dass ich weibliche Energie mit mir trage?

Raphael Schalz: Anders als bei Rassismus wird Sexismus von den Opfern mitgetragen. Ich würde mir deshalb wünschen, dass es bei den Frauen ein viel größeres Verständnis dafür gibt, dass sie in dieser Gesellschaft nicht sexy sein müssen, sich nicht verstellen müssen. Das beginnt schon dabei, sich zu schminken.

Jen Bender: Sexy sein wollen und sich schminken ist schon richtig und legitim. Ich fände es halt gut, wenn man davon weg käme, das es heißt: Wenn sie sich nicht schminkt, lässt sie sich gehen. Dass Frauen nicht sagen, ich fühle mich geschminkt schöner. Dass sie sagen, ich fühle mich dann anders, aber sich auf keinen Fall ungeschminkt als weniger interessant oder weniger attraktiv empfinden. Aber diese Diskussion, wer soll sich wann und warum schminken oder die Beine rasieren, wird oft so albern geführt, dass es viele Möglichkeiten gibt, Witze darüber zu machen – ideal für einen Grossstadtgeflüster-Song.