Kultur
05.12.2011

Jelineks "idealer Mann" im Akademietheater

Gesellschaftskritik von Elfriede Jelinek mit dem scharfen Blick von Oscar Wilde: "Der ideale Mann. Sehenswert.

Als wär's ein Bild von Arnulf Rainer: Elfriede Jelinek hat "An Ideal Husband" - Oscar Wildes politischste Gesellschaftskomödie - nein, nicht dekonstruiert, sondern übermalt. Das 1893 geschriebene Stück taugt hervorragend als Vorlage für himmelschreiende Zustände. Damals wie heute. "Die Kontrakte des Kaufmanns", eine "Wirtschaftskomödie", war 2009 Jelineks Stück zur Finanzkrise. In "Der ideale Mann" im Akademietheater, der ins Heute transferierten Salon-Komödie Wildes, geht's nicht um den Skandal beim Bau des Suez-Kanal, sondern um den "Hyper-Alpenkanal".

Barbara Frey, die Intendantin des Schauspielhauses Zürich, hat bei ihrer ersten Jelinek-Inszenierung klug Text gestrichen - und Oscar Wilde leben lassen.
Das ist gut so. Denn dadurch bleiben das verbale Spiegelfechten, die geschliffenen Wortspielereien und all die schönen bösartigen bis hintersinnigen Spitzen erhalten, ergänzt um manche Zote und einige Kalauer. Die Bestechungs- und Erpressungsgeschichte spielt im Bühnenbild von Bettina Meyer großteils auf einer pompösen Treppe, die der prominenten Personage auf dem roten Teppichläufer alle Möglichkeiten für Aufstiege und Abstürze, Ausrutscher und überstürzte Abgänge einräumt.

Brillantes Ensemble

Dafür, dass die Protagonisten bis zur Kenntlichkeit gezeichnet sind, gilt nicht die Unschuldsvermutung. Michael Maertens als Frisur-betonender, smarter, gelackter Feschak mit einem schmutzigen Geheimnis unter der angeblich weißen Weste und Katharina Lorenz im Dauerdienst der Wohltätigkeit sind als Sir Robert und Lady Chiltern wie Karl-Heinz und Fiona. Charity? "Ein Heer von Raupen, die sich durch einen Abgrund an Mildtätigkeit fressen und auf Schritt und Tritt seidene Scheiße von sich geben, in die andre dann hineintreten." Die konversationsvernarrte Gesellschaft des ausgehenden viktorianischen Zeitalters scheint sich durch nichts vom geschwätzigen Stillstand heute zu unterscheiden. Die redet viel und sagt wenig. Caroline Peters gibt das blonde intrigante Luder Mrs. Cheveley, Maria Happel legt die Mabel sarkastisch, schrill und exaltiert an. Kirsten Dene geriert sich als Lady Markby very british und in puncto Humor extra dry. Peter Matic ist ein schrulliger Butler mit Mut zur Aufmüpfigkeit.

Exzentrisch

Matthias Matschke als Dandy Lord Goring, der weder Macht noch Besitz anstrebt, tut in einer vom puren Nützlichkeitsdenken beherrschten Zeit nur Unnützes. Er ist ein "Good-for-nothing", ein "Taugenichts", wie ihn sein Vater Lord Caversham (Johann Adam Oest) nennt, dem er erklärt "Ich rede sehr gern über nichts, Vater. Es ist ja das Einzige, worüber ich überhaupt irgendwas weiß." Die Moral von der G'schicht': Die Probleme werden nicht gelöst, sondern entsorgt. Und wenn die Verhältnisse im Land nicht so zum Weinen wären, man könnt' und kann sich über den auf diesem Niveau gequirlten Mief in Spekulations- und Gesellschaftsblase sogar recht gut unterhalten.

Fazit: Oscar Wilde als "Übermalung"

Stück: Die Komödie "An Ideal Husband" (1893) von Oscar Wilde, bearbeitet von Elfriede Jelinek auf der Basis einer Übersetzung von Karin Rausch.

Regie: Barbara Frey verbindet kongenial das sprachliche Florettfechten des Originals, die leere Konversation und offene Erpressung mit den aktuellen politischen Verhältnissen.

Eindruck: Unterhaltsam, originell und absolut sehenswert.

KURIER-Wertung: ***** (*****)

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