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Festspiele
04/23/2020

Jedermann-Regisseur: "Selbst entscheiden", ob wir Kultur machen und besuchen

Michael Sturminger plädiert für einen Sommer mit Kultur und persönliche Verantwortung.

von Georg Leyrer

Am Ende gewinnt immer der Tod – nicht nur vor dem Salzburger Dom im Sommer.

Heuer aber steht dem Tod beim „Jedermann“ ein mächtigerer Gegner gegenüber: Das Coronavirus droht neben den Salzburger auch die anderen Festspiele des Sommers zu verhindern. Michael Sturminger, Regisseur des „Jedermann“, aber plädiert dafür, Kultur zuzulassen.

KURIER: Herr Sturminger, was machen Sie im Sommer?

Michael Sturminger: Das kann man leider jetzt noch nicht so genau sagen.

Sie hatten viel vor – „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen, „Tosca“ mit Netrebko, die Sommerspiele Perchtoldsdorf. Angesichts der Regierungsansagen zur Kultur: Wird das was?

Was die Arbeit der Regierung betrifft, steht für mich außer Zweifel: Die erste Phase hat beeindruckend funktioniert, die erste Welle wurde klug und schnell überwunden. Wir haben es geschafft, unser Gesundheitssystem zu schützen, vernünftig und solidarisch zu agieren. Jetzt kommt die schwierige zweite Phase, und ich habe das Gefühl, hier läuft einiges falsch.

Was denn?

In der ersten Phase musste die Regierung schnell die Verantwortung für alle übernehmen. Jetzt müssen wir in allen Bereichen die Eigenverantwortlichkeit der Menschen wiederherstellen.

Meinen Sie, das Kulturpublikum soll sich selbst überlegen, ob es gescheit ist, eine Aufführung zu besuchen? Können die diese Verantwortung überhaupt tragen?

Ich meine grundsätzlich einmal alle. Es gibt in jedem gesellschaftlichen Bereich Menschen, die wissen, welche Maßnahmen in ihrem professionellen Umfeld sinnvoll sind und welche nicht. Keine Regierung kann innerhalb weniger Wochen große Pakete verabschieden, mit neuen Regeln für alle gesellschaftlichen Bereiche.

Nach der Regierungspressekonferenz zu den Kulturplänen hieß es weitflächig: Mit diesen Rahmenbedingungen ist gar nichts sinnvoll möglich. Wäre es nicht vielmehr besser gewesen zu sagen: Es wird bis 31. August nichts geben – statt eine Öffnung in Aussicht zu stellen?

Nein. Denn wenn der 31. August da ist – was wird dann anders sein? Außer dass dann ein noch viel größerer Schaden entstanden sein wird, als jetzt schon. Es ist notwendig, dass wir jetzt ehrlich miteinander umgehen.

Was bedeutet das?

Wir können weiter versuchen, weitgehendste gesundheitliche Sicherheit herzustellen. Dann dauert das drei Jahre. Dann ist es aber völlig sinnlos, zu sagen: Ab September gibt es wieder Veranstaltungen. Diese Frage müssen wir uns ehrlich stellen: Sperren wir jahrelang alles zu, mit allen Konsequenzen, bis eine Impfung oder ein überall zugängliches Medikament da ist? Dann wird der wirtschaftliche und auch der kulturelle Schaden gewaltig sein.

Aber was ist die Alternative? So erschütternde Bilder wie aus den Spitälern in Italien, Spanien oder den USA kann niemand auch hier wollen.

Wir alle, StaatsbürgerInnen, medizinisches Personal und politisch Verantwortliche haben bereits vieles gelernt. Die Bevölkerung weiß, wie man mit der Ansteckungsgefahr grundsätzlich umgehen muss. Jetzt müssen wir meiner Meinung nach in die Phase übergehen, in der es nur ganz grundsätzliche Richtlinien gibt – und wir schrittweise persönliches Risiko hineinlassen. Und alle in ihrem Rahmen selbst entscheiden: Gehe ich in ein Restaurant, in eine Vorstellung – oder nicht. Niemand wird sich hundertprozentig sicher sein können, sich nicht anzustecken. Parallel müssen wir die Zahlen beobachten, vorsichtig und klug agieren und für eine zweite Welle gerüstet sein. Alles in allem ist es sicher besser damit am 1. Juli zu beginnen, als am 1. September.

Aber damit riskiert man, dass die Infektionen früher wieder ansteigen.

Wir müssen uns darauf einlassen. Aber wir können nicht so tun, als ob das nicht im September, Oktober, November auch noch passieren könnte, niemand wird uns da Sicherheit geben können.

Als Politiker muss man harte Rechnungen anstellen. Ein Ergebnis könnte sein: Restaurants, Schulen, Geschäfte ja. Aber Kultur: Nein. Diese zusätzliche Ansteckungsgefahr ist es uns nicht wert.

Absurderweise tun gerade alle so, als wäre es die höchste Bürgerpflicht, sämtliche Kulturveranstaltungen abzusagen. Als Intendant und Regisseur habe ich die Aufgabe Theater zu ermöglichen und realisieren. Wenn der Direktor eines Staatstheaters heldenhaft meint, unter schwierigen Bedingungen lieber gleich alles abzusagen, kann er sich leider der allgemeinen Zustimmung gewiss sein. Aber der Großteil der Menschen im Kulturbereich lebt ohne staatliche Absicherung und viele bereits in einer echten Notlage. Ich werde in meinem persönlichen Verantwortungsbereich darum kämpfen, dass wir niemanden vergessen und, noch wichtiger, dass wir wieder arbeiten können. Nicht abzusagen, sondern Kunst zu ermöglichen, und zu realisieren ist die Aufgabe der PolitikerInnen, der IntendantInnen und der KünstlerInnen.

Wie kann eine Kulturöffnung aussehen?

Wir müssen im Miteinander kluge Schritte setzen. Es geht nicht, wenn die Vorgaben so absurde Blüten treiben, wie: Ihr dürft proben, aber keine Kussszenen. Man wird auch Schauspieler und Teammitglieder testen, möglicherweise in Quarantäne-Quartiere gehen. Man muss das im Detail vernünftig überlegen und planen. Aber man kann nicht einen Regierungsbeauftragten am Filmset oder in der Probe haben, der bei jeder Szene entscheidet, ob man das so machen darf.

Wer aber soll das dann entscheiden?
Man muss es den Menschen überlassen, ob sie unter diesen Bedingungen proben, schauspielen, musizieren, oder in den Zuschauerraum kommen wollen. Als mündige, freie Staatsbürger – so vorsichtig wie möglich, ohne die Gesamtheit leichtsinnig zu gefährden. Wir werden als Zuseher für unsere Nachbarn Mundschutz tragen. Und ja, wenn es blöd daher geht, kann ich mich anstecken. Besonders Risikogruppen müssen das wissen. Und trotzdem selbst entscheiden dürfen. Aber 20 Quadratmeter pro Besucher? Das kann nur eine Provokation sein. Das klingt wie der blanke Hohn.

Geht sich das noch aus für Salzburg heuer?
Unbedingt. Einiges wird ganz sicher stattfinden können. Man wird wohl nicht das gesamte Programm verwirklichen können. Das scheitert allein daran, dass so manche Künstler und viele Zuseher nicht anreisen können werden. Man wird vielleicht auch weniger Zeit haben, um zu proben, man wird nicht jedes Detail verwirklichen können. Aber die überwältigende Zahl der Künstler will unbedingt – und hungert danach. Wir werden in Zeiten der Krise nicht lauter ausverkaufte Vorstellungen haben. Aber dafür wird eine vorsichtig geplante, kluge Sommersaison in Österreich in vieler Hinsicht wichtige Erkenntnisse für den Herbst bringen, wenn der Normalbetrieb wieder beginnen soll. Einige aus dem Publikum werden sagen: Nein danke, das ist mir zu gefährlich. Aber viele werden kommen, weil Theater und Musik den Menschen Energie und Zuversicht zurückgeben kann. Und die werden sie brauchen!

 

 

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