Nobelpreisträgerin Alice Munro

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Literatur
06/04/2016

Jede Frau hat das Recht, geliebt zu werden

Nichts Neues von Alice Munro, aber ein 65 Jahre alter Wahnsinn ...

von Peter Pisa

Die Lateinlehrerin Miss Abelhart ist nicht hässlich und nicht alt, nur ein bisschen vertrocknet. Das weiß sie und wird sich deshalb ändern: Sie wird heute nicht zum Abstinenzlertreffen in die Kirche kommen.

Miss Abelhart geht lieber spazieren und freut sich, einen ihrer Schüler zu sehen. Jenen hübschen mit dem Wuschelkopf und den langen Beinen.

Ist er in sie verliebt?

Ja, er ist verliebt. MUSS SEIN! Sie zieht ihm die Wörter aus dem Mund – weil jede Frau das Recht hat, dass man sie anschaut; dass sich jemand in sie verschaut.

Danach schickt sie den Burschen heim. Es ist schon finster, schwarz ist die Farbe des Wahnsinns, und mehrere Leute haben zugeschaut, wie Miss Abelhart mit sich selbst gesprochen hat.

Kein anderer war da.

Ein Gewinn

"Die Dimension eines Schattens" heißt diese Kurzgeschichte, mit der die Kanadierin Alice Munro ihre Karriere 1950 begonnen hat.

Erstmals ist die Lateinlehrerin in einem Buch verewigt, ein früher Höhepunkt der Kanadierin, ein Vorgeschmack auf die 150 Geschichten, die folgen werden.

Sie wird unspektakulär schreiben und kurz, einfühlsam, liebend, verzeihend, leicht bitter. Oft wird sie in entscheidenden Momente bei ihren Figuren sein, verurteilen wird die Munro sie nie. Denn: "Ich denke, nichts ist leicht, nichts ist einfach." Wenn die Literatur-Nobelpreisträgerin von 2013 so etwas sagt, klingt es seltsamerweise g’scheiter als bei einem Bundeskanzler wie Fred Sinowatz.

... und immer wird man beim Lesen etwas daraus gewinnen können.

Alice Munro wird im Juli 85. Für neue Erzählungen fehlt ihr die Kraft, sagt sie. "Ferne Verabredungen" versammelt neben dem Frühwerk Berühmtes wie "Jakarta" und "Der Bär klettert über den Berg".

.Es ist auch "Bald" im Buch, ein Teil jener Trilogie ("Chance", "Soon" und "Silence"), die soeben in die spanischen Kinos kam: Erste Kritiken von Pedro Almodóvars "Julieta" fielen geradezu hymnisch aus.

Gezeigt wird Juliet in mehreren Lebensabschnitten. Sie zieht von daheim aus, die Eltern werden ihr fremd, sie zieht mit einen Mann zusammen, sie bekommt ein Kind.

Und dann stirbt die Mutter stirbt, und dann wird Juliet von ihrem Partner (vielleicht) betrogen, und dann kommt er bei einem Unglück ums Leben. Und die Tochter läuft weg, zu einer Sekte.

Es ist bloß das schwindelerregende Gedränge der Zeit, in der Menschen gehen, wenn sie – keine Verwendung mehr für dich haben. Man darf hoffen. Hoffen darf man.


Alice Munro:
„Ferne Verabredungen“
Übersetzt von Heidi Zerning. Nachwort von Manuela Reichart.
S. Fischer Verlag.
448 Seiten.
23,70 Euro.

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