Kultur 05.12.2011

Jazz: Sternstunde des vogelfreien Spiels

Die Sound-Guerilla im Pinzgau: Viel Free Jazz, eine kleine Verbeugung vor Zappa und Blues von Willie Dixon zum Kehraus. Jazzfestival Saalfelden, Tag 2.

Zuerst kamen die Klanganarchisten: "Noise Jazz" made in Norway, Samstag beim Jazzfestival Saalfelden. Dann "Vibrations of the Day": Free Jazz mit dem allzu selbstverliebt schräg agierenden türkischen Ensemble KonstruKt und dem 87-jährigen Sax-Veteranen des Sun Ra Orchestras Marshall Allen.

Nach so viel Hardcore zum Durchatmen ein schöner Kontrast: Lorenz Raab. Ob lyrisch-poetisch oder schmissig-verspielt, der österreichische Trompeter zelebriert auch mit neuer Band - u. a. mit Michel Godard an der Tuba - bei "Expanded" ein Aufeinanderzugehen und Aufeinanderreagieren, dass es eine Freude ist.

Free-Jazz-Kapazunder

"Trank Zappa Grappa in Varese?" ist keine Frage, sondern ein Projekt rund um den Schweizer Sax-Player Markus Stauss: Dessen ruppig und harsch tönendes Quartett liefert keine Cover-Versionen, sondern eine Dekonstruktion von Frank Zappas Werk der End-60er-Jahre: eine Synthese aus Rock, Punk und Jazz mit zappaesken Zügen.
Die Avantgarde ist schon lange tot, sagen viele. Aber die Freigeister leben weiter. Und ob ihre aktuellen Musikkreationen immer verstanden werden, diese Frage stellt sich immer wieder neu.

David S. Ware - der Höhepunkt am Samstag - ist sich stets treu geblieben und hat sich dem Mainstream konsequent verweigert: Der voluminöse kraftvolle Saxofonsound des Free-Jazz-Kapazunders spielte schon in den 70er-Jahren mit Cecil Taylor und Andrew Cyrille, als Free Jazz noch ein Symbol für schwarzen Widerstand war.
Der robuste Klang seiner quasi live vorgestellten neuen CD "Planetary Unknown" erinnert in seiner Intensität an die Sax-Heroen Coltrane, Ayler, Sanders und Rollins.
Wares Konzert, eine Sternstunde des vogelfreien Spiels, wirkt wie aus der Zeit gefallen, lässt die "History of Black Music" anklingen. Wobei er in die Schönheit des gewaltigen Klangs immer den Schmerz einschreibt.

Die Europa-Premiere von "Electric Willie" rund um die Gitarristen Elliott Sharp und Henry Kaiser ist ein Tribute an den legendären Bluesmusiker Willie Dixon: Da darf dessen Standard "Spoonful" nicht fehlen - wild und unangepasst. Unterstützt von Tracie Morris und Eric Mingus, Sohn der Bassisten-Legende Charles Mingus, mit energiegeladenen Vocals, sowie Melvin Gibbs und Don McKenzie als wuchtig treibender Rhythmusgruppe.

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011