© Universal Music Group/Ami Sioux

Gespräch
08/27/2020

Jazz-Star Gregory Porter singt passiv-aggressive Protestsongs

Der Amerikaner erzählt im KURIER-Interview, warum er Donald Trump nicht in seinen Songs haben wollte

von Brigitte Schokarth

Mehrere Songs „gegen den Mann im Weißen Haus“ hatte Gregory Porter für sein am Freitag erscheinendes neues Album „All Rise“ geschrieben. Doch die warf er wieder weg.

„So bin ich nämlich eigentlich nicht“, erklärt Porter im KURIER-Interview. „Ich war besessen von jeder zerstörerischen Aktion, die Trump Tag für Tag setzte. Deshalb kamen diese Songs nicht aus einer Haltung von Offenheit und Liebe. Und ich wollte nicht zulassen, dass er meine Gedanken und meine Kunst derart an sich reißt.“

In den 15 gefühlsstarken Songs des exzellenten Albums, das musikalisch mit einem breiten Spektrum an Stilen zwischen Jazz, Soul, Gospel und Blues punktet, wendet sich der 48-jährige Amerikaner trotzdem gegen seinen Präsidenten. Allerdings in weit subtilerer Form – genau in der Art, die er selbst in Songs und Gedichten bevorzugt.

„Das Lied ,Real Truth‘ ist zum Beispiel von Trump beeinflusst. Denn alleine die Idee, dass es mehrere Arten von Wahrheit gibt, ist verrückt. Er erzählte zum Beispiel, dass die Pandemie vorbei ist, als sowohl im Süden des Landes als auch an der Westküste die Infektionszahlen in die Höhe schnellten. Das hat mich besonders betroffen gemacht, weil mein Bruder, der in New York gelebt hat, an Corona gestorben ist. Aber Trump erzählt dauernd solche Lügen. Und keiner darf sich trauen, anderes zu behaupten!“

Mit dieser Art, Protest in Songs zu verpacken, so Porter, könne er effektiver sein: „Ich will etwas verändern. Wenn du aber Leute anschreist, verschreckst du sie. Wenn du sie sanft ansprichst, lassen sie dich ein, und du kannst sehr lange mit ihnen reden. Manche Leute nennen das ,passiv-aggressiv‘.“

Obwohl „All Rise“ lange vor der Black-Lives-Matter-Bewegung fertig war, hat der Song „Revival“ einen Bezug dazu. Porter schrieb ihn als Reminiszenz an den Afroamerikaner Freddie Gray, der 2015 in Baltimore verhaftet, dabei an der Wirbelsäule verletzt wurde und daran starb. Dass Ähnliches jetzt wieder passierte, wundert den Sänger gar nicht.

Aber: „Der Hoffnungsschimmer ist, dass sich diesmal etwas ändert, weil die Proteste global geworden sind. Andererseits ist es sehr traurig, dass sich bei Protestmärschen für Gleichheit auch Randalierer und Diebe eingemischt haben, und es gewalttätige Ausschreitungen gab. Denn das verbindet die Forderung nach gegenseitigem Respekt mit Bedrohung. Und die ist das Gegenteil von gegenseitigem Respekt.“

Neben Songs über den Missbrauch von Kindern in Kriegsgebieten („Merchants Of Paradise“) und die Notwendigkeit, einmal Pause zu machen und bei der Familie zu sein („Concorde“), hat der Sohn einer alleinerziehenden Seelsorgerin mit „Dad Gone Thing“ auch ein berührendes Lied über seinen Vater geschrieben.

„Ich habe ihn nur ein paar Mal in meinem Leben gesehen. Da waren wir in seiner Kirche, und alle riefen immer ,Reverend Porter, Reverend Porter‘. Ich dachte, wow, er ist hier sehr wichtig. Und er wollte und konnte für alle Leute in der Kirche da sein, während er für mich nie da war. Das hat mich sehr eifersüchtig gemacht. Bei seinem Begräbnis habe ich dann herausgefunden, dass er sehr gut gesungen hat. Deshalb danke ich ihm in dem Song, dass er mir dieses Talent vererbt hat – auch, um damit diese Verletzungen zu heilen.“

Nicht nur in der Formulierung der Inhalte, auch in den Sounds setzt Porter auf Aufbauendes. „Deshalb auch der Titel ,All Rise‘. Es geht um gemeinsamen Aufstieg. Und der ist nur möglich, wenn die Gesellschaft die Ärmsten und die Schwächsten stärkt. Denn dann hast du mehr gebildete Leute, mehr Kaufkraft und mehr selbstbewusste Leute in den Straßen – und weniger Potenzial für Konflikte.“

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