© © Daniel Cohen/Lumen Photo

Kultur
07/23/2020

Jarvis Cocker will den Machthabern Druck von außen geben

Der Pulp-Sänger stellt seine neue Band "Jarv Is. . ." vor, mit der er das Album "Beyond The Pale" aufgenommen hat.

von Brigitte Schokarth

"Verloren in der Nacht meines Wohnzimmers, in der Welt der Innenräume treibend. Verdammt sei diese Klaustrophobie!"

Diese Zeilen aus dem Song "House Music All Night Long" von Jarv Is . . . , der neuen Band von Ex-Pulp-Sänger Jarvis Cocker, klingen wie aus dem Corona-Lockdown geboren. Sind sie aber nicht: "Ich habe das Lied vor zwei Jahren geschrieben, als ich in London alleine war, während Freunde zu einem Dance-Music-Festival gegangen sind und ich deshalb eifersüchtig auf sie war", erklärte Cocker unlängst der britischen Tageszeitung The Guardian.

Der Song, einer von sieben des eben erschienenen Albums "Beyond The Pale", beginnt mit sanften Piano-Akkorden. Er steigert sich aber nach und nach in eine psychotische Atmosphäre, die die Klaustrophobie spürbar macht und all die Charakteristika weiterträgt, die Cockers Schaffen während seiner ganzen Karriere ausgezeichnet haben: Tanzbare Klänge, kantig und anspruchsvoll, gekörnt von eingängigen Melodien und Texten, die voll mit scharfsinnig formulierten Gesellschaftsbeobachtungen sind.

Psychedelisch klingt "Sometimes I Am Pharoah". Und bei "Save The Whale" flüstert und spricht Cocker die Story geheimnisvoll über einen perkussiven Beat, der mit Ambient-Klängen gepaart ist. Anders als bei den vorigen Solo-Werken und den Alben von Pulp, die 1995 mit dem Hit "Common People" den internationalen Durchbruch schafften, baut Cocker hier Chöre und melodische Zwiesprachen mit anderen Sängern ein.

Das liegt an der Entstehung von "Beyond The Pale": 2017 wurde Cocker gebeten, bei einem von Sigur Rós kuratierten Festival in Island aufzutreten. Weil Pulp seit 2013 inaktiv waren, hatte er keine Band dafür und gründete u. a. mit der Harfenistin Serafina Steer und der Violinistin Emma Smith Jarv Is . . . Die Intention dabei war auch, eine Band zu haben, die "vor Publikum Songs schreibt".

So entstanden die Grundzüge von Cockers erstem Album seit elf Jahren bei Live-Auftritten in Island und bei anderen Festivals. Aber erst Geoff Barrow von Portishead überredete Cocker, diese Songs zu vervollständigen und daraus das bemerkenswerte "Beyond The Pale" zu machen.

"Dabei habe ich gemerkt, dass ich schon früher wieder mit einer Band hätte arbeiten sollen", erzählte Cocker dem Rolling Stone. "Denn so bekommt man Songs fertig: Du hast eine Idee, zeigst sie der Band, und sie geben ihren Input dazu. Ich weiß gar nicht, wie ich das vergessen konnte. Denn auf diese Art habe ich den Großteil meines Lebens Musik gemacht."

Auch wenn der 56-Jährige manchmal selbst mit der Quantität seines musikalischen Outputs unzufrieden ist, war er in den elf Jahren seit seinem letzten Solo-Album höchst aktiv. Cocker arbeitet auch als Journalist, produzierte schon in den 90er-Jahren eine TV-Serie über Outsider-Art. Für die BBC präsentierte er ein TV-Programm über Wale, und von 2012 bis 2017 moderierte er für Radio 4 eine Sendung, die "die menschlichen Zustände nach Einbruch der Dunkelheit mittels Gesprächen mit Nacht-Menschen" erforschte.
 

Außerdem tritt Cocker als Schauspieler in Erscheinung. Er hatte Rollen in "Harry Potter und der Feuerkelch" und der romantischen Komödie "The Good Night". Er schrieb Songs mit und für andere Künstler, führte bei diversen Musik-Videos Regie und veröffentlichte 2017 mit dem Pianisten Chilly Gonzales das Album "Room 29".

Wie schon im Hit "Common People" zeigt sich auch in vielen dieser Projekte Cockers Hang, soziale Ungerechtigkeiten und die Mühen der Arbeiterklasse aufzuzeigen und – wie auch im neuen Song "Must I Evolve?" – verbreitete Ansichten infrage zu stellen.

Dem Guardian erklärte er, dass er seine Musik sehr wohl politisch und in der Protest-Song-Tradition seines Idols Bob Dylan sieht: "Die Leute, die an der Macht sind, werden sich nicht anbieten, diese Macht wieder abzugeben. Deshalb habe ich an den ,Black Lives Matter‘-Protesten teilgenommen und halte Mittel, wie Statuen zu demontieren, für gerechtfertigt. Ich will ja nicht sagen, dass man alles niederbrennen muss. Aber zu denken, dass sich die Probleme mit den Machthabern ohne Druck von außen lösen werden, ist naiv."

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