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Isleworth Mona Lisa
11/23/2013

Wenn Mona Lisa zweimal lächelt

Kunst-Krimi. Untersuchungen und Rercherchen belegen: Auch die Mona Lisa von 1503 ist echt.

von Werner Rosenberger

Geheimhaltung hat oberste Priorität: Wir müssen sogar unterschreiben, unseren genauen Aufenthaltsort für uns zu behalten. Aus Sicherheitsgründen. Erst dann dürfen wir „irgendwo in der Schweiz“ einzeln den Tresorraum im Keller eines unscheinbaren Hauses betreten, sitzen zunächst im Dunkeln. Bis sich ein Vorhang öffnet. Langsam wird das Licht hochgedimmt.

Und plötzlich lächelt Mona Lisa. Natürlich nicht die aus dem Louvre, sondern die offensichtlich jüngere Mona Lisa. Deren Porträt ist um 1503, also etwa zehn Jahre früher entstanden als jenes – seit dem dreisten Kunstdiebstahl in Paris 1911 – berühmteste Gemälde der Welt.

Aber kann es denn überhaupt zwei Versionen des Bildes, das auf Italienisch als „La Gioconda“ („die Heitere“) bekannt und nach der Florentinerin Lisa del Giocondo benannt wurde, aus dem Pinsel von Leonardo da Vinci geben?

Warum blieb das ältere Bild unvollendet? Warum ist es auf Leinwand gemalt und nicht auf Pappelholz wie das Porträt im Louvre? Und vor allem: Ist das nach dem englischen Fundort als „Isleworth Mona Lisa“ bezeichnete Bild echt oder eine Fälschung?

Antworten auf die vielen Fragen liefert die TV-Doku-Serie „Terra-Mater“ nach weltweiten Recherchen: „Das Mona Lisa-Rätsel – Dem Original auf der Spur“ am 5. 12. (20.15 Uhr) auf Servus TV.

Eines der größten Rätsel der Kunstgeschichte scheint gelöst. Dass die rätselhafte Schöne Lisa Gherardini, die Frau eines Florentiner Seidenkaufmannes war, berichtete bereits der Maler und Renaissance-Chronist Giorgio Vasari.

Zeitzeuge

Aber erst durch einen Zufallsfund in der Universitätsbibliothek in Heidelberg 2005 kam ein wichtiger Augenzeuge ins Spiel: Agostino Vespucci aus der Familie des Amerika-Entdeckers, ein enger Mitarbeiter des berühmten Staatsphilosophen Niccolò Macchiavelli, machte in einer mit Oktober 1503 datierten Randbemerkung, deutlich, dass von der Frau am Bild auf Leonardos Staffelei erst Gesicht und Dekolletee gemalt sind.

Ungewöhnlich ist nicht, dass Da Vinci das gleiche Motiv mehrmals malte, wie etwa seine berühmte „Felsgrottenmadonna“. Mittlerweile sprechen auch weitere Fakten deutlich für die Echtheit des zweiten Mona-Lisa-Bildes. „Alle verfügbaren modernen wissenschaftlichen Untersuchungen wurden durchgeführt und haben keinen Hinweis auf eine Fälschung ergeben“, sagt Markus A. Frey, Jurist und Präsident der Mona Lisa Foundation.

Die Leinwand ist authentisch. Aber auch sonst gibt es starke Indizien für die Echtheit des Werkes: Obwohl beide Mona-Lisa-Gemälde unterschiedlich groß sind, haben sie auf den Millimeter genau exakt dieselben Proportionen.

Keine Kopie

Die bei der Mona Lisa aus dem Louvre nur im Ansatz vorhandenen klassischen Säulen sind – wie übrigens auch bei einer Federzeichnung von Raffael um 1504, Leonardos Bild in dessen Atelier bewundert hatte – bei der früheren Version der Mona Lisa komplett ausgeführt. Aber warum sollte ein Kopist, der sich am Original orientiert, seiner Version etwas hinzufügen?

Wissenschaftliche Untersuchungen der weißen Farbpigmente der „Isleworth Mona Lisa“ ergaben: Das Gemälde kann, weil sehr viel älter, keine Fälschung aus seinem Entdeckungsjahr 1913 sein.

Für echt befinden es mittlerweile von rund 20 da-Vinci-Experten alle außer zwei, und die haben das Original gar nicht gesehen. John F. Asmus, Physiker von der Uni in San Diego, sagt: „Ich habe Monate meines Lebens damit verbracht, beide Mona-Lisa-Bilder genau anzusehen. Und die vielen Ähnlichkeiten können kein Zufall sein. Es ist zu 99 Prozent sicher, dass beide Mona Lisas vom selben Künstler sind.“

Provenienz

Im Nachlass des Kunstsammlers Hugh Blaker aus dem West-Londoner Bezirk Isleworth hatte es der Ingenieur und Kunstliebhaber Henry F. Pulitzer 1936 gesehen und 1962 gekauft: „Ich bin„überzeugt, dass meine Dame von Leonardo und seinem Studio gemalt ist. Und dass sie – nicht das bis jetzt fälschlich unter diesem Namen bekannte Bild im Louvre – niemand anderes ist als die lange verschollene Mona Lisa.“

Nach dem Tod Pulitzers 1979 verschwand das Bild, im Besitz seiner Lebensgefährtin und Erbin Elizabeth Meyer im Banktresor. Seit 2008 gehört es einem internationalen Konsortium. „Die Eigentümer kenne ich auch nicht“, sagt Frey von der Mona Lisa Foundation und beteuert mit Understatement: „Ein solches Kunstwerk hat keinen Preis, der sich beziffern ließe. Wir wollen das Bild öffentlich zeigen. Vor allem in Asien ist das Interesse groß.“

Schon im Frühjahr 2014 soll das Bild auf Ausstellungstournee durch die Welt gehen. Spätestens dann wird die zweite Mona Lisa einen Versicherungswert haben, der sich in einer Zahl mit vielen Nullen ausdrücken dürfte.

Der Kunst unter die Haut geschaut

Modernste wissenschaftliche Methoden helfen zu klären: Echt oder Fälschung? Infrarot-Untersuchungen und 3-D-Techniken machen Unterzeichnungen, Übermalungen und Retuschen sichtbar; Teilchenbeschleuniger erzeugen extrem starkes und gebündeltes Röntgenlicht: Jedes chemische Element leuchtet auf seine eigene Art – damit auch jedes Farbpigment, das einst verwendet wurde.

Mit Radiokarbontests kann man das Alter eines Bildes bestimmen. Demnach stammt die Leinwand aus der Zeit Leonardo da Vincis. Pinselstrich-Analysen ergaben: Derselbe Künstler– Da Vinci war Linkshänder – hat auf beiden Bildern die Hände der Frau gemalt. Mit der Gammaspektroskopie spüren Physiker dem Gehalt an Spurenelementen und der Zusammensetzung der Isotopenim Bleiweiß nach, mit dem Leonardo da Vinci seine Bilder grundiert hat.

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Sehen und Lesen

Doku

„Das Mona Lisa-Rätsel – Dem Original auf der Spur“ am 5. Dezember (20.15 Uhr) auf Servus TV; anschließend: Talk im Hangar-7 Spezial „Das Mona-Lisa-Rätsel“ (21.15 Uhr) und „Leonardo da Vinci – Die Geheimakte (22.25 Uhr)

Buch

Josef Nyáry: „Das letzte Geheimnis des Leonardo da Vinci“ (Ecowin Verlag) erzählt Geschichten über die beiden Mona-Lisa-Gemälde und gibt Einblicke in die umfassenden Untersuchungen an der „Isleworth Mona Lisa“; € 19,95

Von wem stammt diese Mona Lisa?