Kultur
04.12.2018

Staatsopern-Uraufführung: „Ein neuer Ton geht um in Europa“

„Die Weiden“ von Johannes Maria Staud und Durs Grünbein wird ab Samstag in der Wiener Staatsoper gezeigt. Von Susanne Zobl.

Die Staatsoper beauftragte Johannes Maria Staud mit einer Oper. In „Die Weiden“ wird von einem jungen Paar erzählt, das auf einer Bootsreise in eine Gesellschaft gerät, die einem Demagogen folgt und sich in Karpfen verwandelt.

KURIER: Verschafft es Ihnen mehr Druck, für ein großes Haus zu komponieren?

Johannes Maria Staud: Nein. Bei jedem Werk versuche ich mein Bestes. Man komponiert im stillen Kämmerlein. Aber man stellt sich bei einer Uraufführung an diesem Haus auf einen Trubel ein. Aber während der Arbeit denke ich nicht daran.

Warum verwandeln Sie die Menschen in Ihrer Oper in Karpfen?

Durs Grünbein: Karpfen sind ganz friedliche Fische, aber sie sind auch Fische mit einem sehr großen Maul. Die Symbolik dieser nach Luft schnappenden, verängstigten Wesen zeigt, dass es nicht primär um Aggression, sondern um Angstzustände in der Gesellschaft geht. Und diese äußern sich in einem karpfenartigen Schmatzen.

Staud: Ich habe versucht, diese Verwandlung der menschlichen Stimme ins Animalische mit Einsatz von Elektronik zu generieren. Allein vom Klang kann man erkennen, was passiert.

Ihre Oper basiert auf Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ und Fantasy-Geschichten. Weshalb zitieren Sie Karl Kraus? Grünbein: Karl Kraus war mit dem Ersten Weltkrieg in die Situation geraten, dass die Literatur beinah sprachlos geworden war. Dieser sprachempfindliche Mensch litt geradezu physisch unter dem Jargon des Unmenschen. „Die letzten Tage der Menschheit“ sind eine Montage aus Zitaten. Auch heute gibt es eine Tendenz zur Verrohung der Sprache. Man muss nur zitieren, um zu schockieren.

Wie ist das zu verstehen?

Grünbein: Ein neuer Ton geht um in Europa. Eine Radikalisierung des öffentlichen Sprechens findet da gerade statt. „Die Grenzen des Sagbaren zu erweitern“, ist das Ziel, wie es ein deutscher Rechtspopulist neulich offen erklärte. Ein Jargon der Entmenschlichung macht sich breit. Jüngstes Beispiel: Ein Mitglied der AfD-Parteijugend „Junge Alternative“ schreibt in seiner Chatgruppe, das einzige Ticket, das er einem Flüchtling geben würde, wäre eines für den Expresszug nach Auschwitz-Birkenau.

Staud: In Deutschland sagt das eine Oppositionspartei, in Österreich spricht der Innenminister von einer „konzentrierten“ Haltung von Flüchtlingen. Das wäre überall ein Rücktrittsgrund gewesen, aber in Österreich hat das keine Konsequenzen. Man fragt oft nach dem Zusammenhang der politischen Sprache heute mit dem Dritten Reich. Was aber ist im Austrofaschismus mit der Pressefreiheit, der Opposition, dem Umfärben des Justizapparates passiert? Heute werden punktuell ähnliche Prozesse in Gang gesetzt. Unsere Gesellschaft ist so auf Blut gebaut, dass man diese Verrohung der Sprache, vor allem wie sie in den Internetforen geprägt wird, mit großer Erschütterung wahrnimmt. Das ist der Beginn einer Entwicklung. Deshalb müssen wir aufschreien.

Gefährdet man durch das Politische nicht die Kunst?

Staud: Wenn man im Auftrag des bedeutendsten Opernhauses im Lande eine Oper schreibt, bringt das meiner Meinung nach auch eine große gesellschaftliche Verantwortung mit sich. Und natürlich möchte ich diese Möglichkeit auch für jene Anliegen nutzen, die mir und vielen anderen Menschen in diesem Land, die sich von einer schwächelnden Opposition derzeit schlecht vertreten fühlen, wichtig sind, aber immer mit der Absicht, dabei Kunst zu machen.

Wie kann man mit Musik Botschaften vermitteln?

Staud: Mit der Musik habe ich eine gefährliche, eine extrem manipulierende Waffe in der Hand. Man muss nur darüber nachdenken, wie Musik in Diktaturen eingesetzt wurde, egal ob von einer linken oder rechten. Da sind wir beide auf Richard Wagner gestoßen. Er war der Mittelpunkt der deutschen Hochromantik. Aber er hat den fatalen Fehler gemacht, dass er ganz offen antisemitisch war und hässliche Dinge gesagt und geschrieben hat, die seine Kunst verkleinern. Ich habe noch nie zuvor in meiner Musik jemanden zitiert. Aber er taucht in der Oper auf.

Grünbein: Richard Wagner ist ein wirklich schwieriger Fall. Ein Revolutionär der Musik mit teilweise furchtbar reaktionären Ansichten. Einer, der vom Terror der Kunst sprach, ein Mann der Überwältigungsästhetik. Einer, der das Kunstwerk der Zukunft in seiner Nähe zum Volk sah und das Judentum als mit der deutschen Kultur unvereinbar. Dieser Mann musste im Dritten Reich nicht erst missbraucht werden.

Wie geht man als Künstler mit der Zensur der politisch Korrekten und antihumanitären Strömungen um? Grünbein: Ich sah meine Freiheit lange Zeit darin, Gedichte zu schreiben. Aber auf einmal ist es gefährlich geworden, unpolitisch zu sein.

Staud: Die Oper endet mit Musik. Sie endet nicht pessimistisch. Es gibt sie, die Hoffnung, die Gespenster der Vergangenheit ein für alle Mal zu besiegen. Lea, unsere Hauptfigur, überlebt die Katastrophe und singt. Das soll auffordern, nachzudenken, ein Bewusstsein für die Geschichte zu entwickeln und darauf aufbauend, ein positives Lebensgefühl zu bekommen. Der Gesang, die Kunst kann dabei helfen.