Spielen mit künstlichem Penis: Markus Schleinzer über seinen Film „Rose“

Markus Schleinzer erzählt in „Rose“ von einer Frau, die sich als Mann ausgibt und eine Frau heiratet – gespielt von Caro Braun. Ein Gespräch über Freiheit, Hauben und einen künstlichen Penis.
Caro Braun und Sandra Hüller in dem Film Rose.

Markus Schleinzer hat Geburtstag. Eine Freundin gratuliert ihm herzlich und fügt beiläufig hinzu, dass sein Geburtstag mit dem Todestag einer gewissen Catharina Linck zusammenfällt. Catharina Linck war am 8. November 1721 in Halberstadt hingerichtet worden, weil sie sich als Mann verkleidet und eine Frau geheiratet hatte.

„Das war für mich der Auftakt der Recherche“, erzählt Markus Schleinzer im KURIER-Interview: „Ich begann, mich nach weiteren Frauen umzusehen, die aus unterschiedlichsten Gründen in die Hose gestiegen sind. All diese Schicksale hat eines verbunden: Die Sehnsucht nach einer größeren Freiheit.“

Über zwei Jahre recherchierte Schleinzer an die 300 Biografien von Frauen über mehrere Jahrhunderte hinweg, die in die Hose gestiegen waren. Heraus kam ein rund 1000-seitiger Roman, der schließlich die Grundlage von Schleinzers hoch akklamiertem Drama „Rose“ (derzeit im Kino) wurde. Erzählt wird darin von einer Frau, die sich in einer protestantischen Dorfgemeinschaft während des Dreißigjährigen Krieges als Mann ausgibt, Land erwirbt und heiratet. Sandra Hüller wurde für ihr herausragendes Spiel als Cross-Dresserin „Rose“ mit dem Silbernen Bären der Berlinale ausgezeichnet.

In seinen Recherchen tauchte Schleinzer – übrigens 17 Jahre lang der Casting-Direktor von Michael Haneke – in „Tonnen von Sekundärliteratur“ ein, besuchte Archive und studierte historische Texte, Literatur und Briefe, um ein Gefühl für die damalige Sprache zu bekommen. Heraus kam schließlich eine Art „Kunstsprache, die schwierig zu spielen war, weil man gar nicht improvisieren konnte“.

Das findet auch Caro Braun, jene junge Schauspielerin, die an der Seite von Sandra Hüller deren unvergleichliche Ehefrau Suzanna verkörpert – manchmal auch mit umwerfender Komik: „Es ist eine sehr poetische, aber auch sehr klare Sprache, nahe am Theater“, findet Caro Braun: „Sie hat eine emotionale Wucht, die einen stark in die Welt von damals hineinholt.“

Caro Braun, Markus Schleinzer und Sandra Hüller.

Caro Braun (li.), Markus Schleinzer und Sandra Hüller.

Aber wie sah die Welt aus im 17. Jahrhundert, während des Dreißigjährigen Krieges? Was für Gesichter hatten die Menschen, welche Kleider trugen sie?

Western im Museum

Die Antwort fand Markus Schleinzer in den niederländischen Museen. Nachdem Holland „das erste europäische Land war, das Kolonialismus betrieb und den afrikanischen Kontinent ausgebeutet hat“, gab es damals bereits ein „sehr reiches Bürgertum, das auch privat Gemälde anfertigen ließ“, berichtet der Regisseur. Er sei alle Museen zwischen Amsterdam und Den Haag abgefahren und habe sich Hunderte Gemälde angesehen, in denen „nicht nur Herrscher und Schlösser, sondern auch alltägliches Leben“ abgebildet war: „Es gab unglaublich viele Gemälde, wo ich dachte, dass sie aussehen wie aus einem Western-Film von John Ford aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Da habe ich erst verstanden, wie viel ,Western‘ in diesem Jahrhundert steckt.“

Auch „Rose“ hat die Anmutung eines Westerns, allein was Landschaft, Tiere, Hüte und Kutschen betrifft. Zudem wurde lange diskutiert, wie Sandra Hüller einen Mann darstellen könnte: „Es ist eine Behauptung, auf die man sich einlassen muss.“

Sandra Hüller mit Schusswaffe.

Sandra Hüller verkleidet sich als Mann in "Rose".

Der Körper von Sandra Hüller wurde „angepasst“. Sie bekam einen „wattierten“ Körperaufsatz und einen künstlichen Penis, „damit sie wirklich etwas zwischen den Beinen hat und beim Gehen nicht spielen muss.“

Caro Braun wurde ebenfalls in ein Korsett gesteckt und mit Unterröcken beschwert: „Diese Vorgänge helfen, in die körperlichen Beschränkungen hineinzufinden“, erinnert sich die Schauspielerin: „Man sitzt in der Maske, die Haare werden geflochten, die Haube aufgesetzt. Man kommt literally jeden Tag aufs Neue unter die Haube.“

Kein Bridgerton-Bombast

Schleinzer drehte in wunderschönem, gestochenem Schwarz-weiß, um sein Publikum nicht mit Farbenpracht und Bridgerton-Bombast abzulenken, „sondern den Fokus auf die eigentliche Geschichte zurückzuführen: Wer bin ich? Und kann ich über meine eigene Freiheit bestimmen?“

Eine weibliche Stimme erzählt als allwissendes Voiceover über das Schicksal von Rose und ihrer Frau Suzanna – „in einer Art von Moritat oder Volkserzählung, bei der man schon weiß, wie es ausgeht“. Nachdem die Historie von Schelmen und Trickbetrügern meist aus berühmten Männern besteht – von Simplicissimus über Münchhausen bis hin zu Felix Krull –, „wollte ich eine Frauenfigur schaffen und so tun, als gäbe es diese Figur bereits im Kanon des allgemeinen Volksdenkens“, so Markus Schleinzer.

Wachrütteln

Und nachdem Moritaten meist nicht so gut ausgehen, werden auch Rose und Suzanna vom Gesetz eingeholt.

Die Erfüllung einer geglückten Utopie hat Markus Schleinzer nicht erlaubt: „Ich habe es mir kurz überlegt, aber es ist mir nicht gelungen. Wenn ich auf der Leinwand einen Film sehe, der gut ausgeht, spüre ich wenig Antrieb, konkret etwas zu verändern. Aber man sieht ja, gerade auch in Amerika, wie schnell demokratische Entwicklungen wieder zurückgenommen werden können. Ich finde, wir leben in einer Zeit, wo wir uns 24 Stunden am Tag wachrütteln müssen. Und lieber habe ich die Erlösung für uns alle im Leben als auf der Leinwand.“

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