Kultur
03.07.2018

Interview mit Elvis Costello: Kein Schutzpatron der Wütenden

Der Ehemann von Diana Krall spricht über sein Image, seine Liebe zu Wien und die Rückkehr ins Tonstudio.

Am 9. Juli tritt Elvis Costello mit seiner Band The Imposters auf der Kasemattenbühne in Graz auf, am 11. Juli im Wiener Konzerthaus. Für diese Shows hat er ein gemischtes Programm entwickelt, das neben Klassikern wie „Oliver’s Army“ auch brandneue unveröffentlichte Songs enthält. Warum sich der 63-Jährige deshalb so auf Österreich freut wie auf seine ersten Tourneen als 20-Jähriger, erzählt er im KURIER-Interview.

KURIER: Im Herbst erscheint Ihr neues Album. Werden wir in Österreich schon Songs daraus hören können?

Elvis Costello: Ich denke schon, dass wir auch Neues bringen werden. Deshalb freue ich mich ja so wahnsinnig auf diese Tour – und speziell auf das Konzerthaus. Denn der Auftritt beim Jazzfest Wien in der Oper vor einigen Jahren ist für mich das beste Konzert, das ich mit den Imposters je gespielt habe. Diese tolle Atmosphäre in dem Saal – und im Konzerthaus ist sie ähnlich – und die Hingabe des Publikums haben uns ermutigt, eine viel breitere Palette an Stücken aus unserem Repertoire zu spielen als bei einer normalen Rockshow. Ich weiß, dass die Leute die Klassiker von vor 40 Jahren hören wollen, aber manche im Publikum haben dafür weit stärkere nostalgische Gefühle als ich. Ich brauche eine Balance von Alt und Neu. Und Wien, das ich immer als einen Ort von hoher kultureller, emotionaler, historischer, soziologischer und intellektueller Raffinesse empfunden habe, erlaubt uns das.

Sie hatten immer schon sozialkritische Texte. Gehen Sie in dem neuen Album auf die aktuelle Situation ein?

Bob Dylan hat in dem Song „ The Times They Are A Changin’“ gesagt: „The wheel’s still in spin. And there’s no tellin’ who that it’s namin’“. Ich habe diesen Song als Kind gehört und mir gedacht, mir ist er ein bisschen zu direkt formuliert. Er hatte nicht das Mysterium all der anderen Songs, die ich zu dieser Zeit gemocht habe. Aber jetzt macht diese Zeile Sinn. Denn es gibt viel zu viele Leute, die man für die heutige Situation verantwortlich machen könnte, und ich glaube nicht, dass ich in Bezug darauf mehr weiß als jeder andere. Außerdem sollten wir endlich aufhören, anderen die Schuld zu geben und selbst Verantwortung übernehmen – egal auf welcher Seite man steht. Wenn alle immer nur sagen, der andere hat Schuld, wird nie irgendein Problem gelöst werden.

Also sind die neuen Songs nicht mehr politisch?

Ich habe meine Songs eigentlich nie als politisch gesehen, denn sie waren immer viel komplizierter als jedes politische Argument, weil ich immer viel mehr Blickwinkel einbezogen habe. Ja, ich habe immer geglaubt, dass Fanatismus und Engstirnigkeit auf Angst und Ignoranz basieren, und habe auch einige Songs zu diesem Thema geschrieben. Es wäre sehr einfach, jetzt ein paar derart offensichtliche Sachen zu sagen und damit eine billige Runde Applaus zu bekommen. Aber das sind keine besonders originellen Gedanken. Deshalb haben die neuen Songs einen anderen Bezug zu dieser Realität.

 

Welchen denn?

Man kann schon ein Abbild der Zeit darin erkennen, wenn man will. Aber ich erzähle eine Reihe von Storys über das Leben anderer Leute. Es gibt keine Vorträge, ich predige nicht und ich will keine Kampagnen anzetteln. Vielleicht ist das der Vorteil, wenn man etwas älter ist: Dass man weniger selbstsüchtig wird. Früher ging es in meinen Songs ja nur um mich, mich und mich.

Also das ist stark übertrieben.

Na ja, ein bisschen. Aber was ich jetzt versucht habe, ist, mich davon zu distanzieren . . . Ich will nicht der Schutzpatron aller wütenden Männer sein! So sehen mich viele Leute – obwohl sie meine Songs da gründlich missverstanden haben. Die, die das tun, sollen mir die Zeilen zeigen, die Hass transportieren. Ja, es gibt zurzeit einen Haufen Sachen, die idiotisch sind, viele Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten. Aber ein Song ändert das ohnehin nicht. Ein Song kann das Herz infiltrieren, was dann wahrscheinlich den Willen antreibt, zu handeln. Aber das ist nur ein kleiner Beitrag.

Vor acht Jahren haben Sie gesagt, sie wollen lieber live spielen, als im Tonstudio Platten aufnehmen, wieso haben Sie Ihre Meinung geändert?

Eigentlich wollte ich dieses Album schon seit 20 Jahren machen, aber immer kam etwas dazwischen: Der Verlust der älteren Generation oder meine Hochzeit mit Diana Krall und die Ankunft unserer wunderbaren Zwillingsbuben. Da hat man vielleicht nicht mehr die Zeit und den Raum, zu realisieren, welche Art von Musik man machen will. Und dann gab es auch die Gelegenheit, mit Allen Toussaint und The Roots zu arbeiten. Alles tolle Projekte und Chancen, die ich nicht missen wollte.