Chiara Mastroianni trifft auf die junge Version ihres Manns (Vincent Lacoste): „Zimmer 212“ von Christophe Honoré

© Jean Louis Fernandez/Polyfilm

Kino
11/16/2021

Interview mit Christophe Honoré: „Das Kino ist meine Spielwiese“

Christophe Honoré über seinen Film „Zimmer 212 – In einer magischen Nacht“, Muse Chiara Mastroianni und seine Opernleidenschaft

Von Susanne Lintl

Es ist eine frivole, emanzipatorische Welt, in die uns Christophe Honoré in seinem neuen Film „Zimmer 212 - In einer magischen Nacht“ blicken lässt: Die Frau vergnügt sich während ihrer 20-jährigen Ehe immer wieder mit jüngeren Liebhabern, der Mann – ein geduldiger, ruhiger Kerl – erträgt es nicht, als er von ihren Seitensprüngen erfährt. Man trennt sich, Maria, die Untreue, zieht in ein Zimmer des gegenüberliegenden Hotels – in Zimmer 212. Von dort aus kann sie ihren Mann Richard ungestört beobachten und die Szenen ihrer Ehe in Ruhe an sich vorbeiziehen lassen. Das alles ist unterlegt mit romantischer Musik, mit französischen Chansons und Barry Manilows „Could it be Magic“. Sogar Schneeflocken lässt Honoré vor den Fenstern rieseln.

„Ich wollte einfach nicht diese traditionelle paternalistische Sicht auf die Dinge zeigen“, sinniert der Regisseur im Interview, „den ehebrecherischen Mann und die leidende Frau. Ich habe die Rollen umgedreht: Die Frau frei und ungezügelt, der Mann häuslich.“

Honoré bewertet nicht, lässt den Emotionen ihren Lauf. Marias Liebhaberkarussell macht einen nicht schwindlig, auch Richard darf - zumindest als Erinnerung - eine andere Frau haben. „Gefühle sind eben flüchtig, du kannst sie nicht festhalten“, so Christophe Honoré. „Du bist trunken vor Glück, aber im nächsten Moment kann schon alles vorbei sein“. Er liebe es, diese Flüchtigkeit sichtbar zu machen: „Im Kino geht das auf eine viel leichtere und gefälligere Art als im echten Leben. Im Kino sind diese Gefühle größer als im Leben, dafür kann ich als Filmemacher sorgen. Und das ist ein schönes Gefühl“.

Ein bisschen, so gibt Honoré zu, habe er sich Truffauts „Die letzte Métro“ zum Vorbild für „Zimmer 212“ genommen. „Ich hatte nicht die Absicht, Truffaut nachzueifern. Eigentlich sind mir die Ähnlichkeiten erst aufgefallen, als der Film fertig war. Auch dort dreht sich alles um ein Paar, das sich entfremdet und buchstäblich auf verschiedenen Ebenen agiert: er im Keller in der Kriegszeit, sie oben auf der Bühne, immer mehr angezogen von ihrem Schauspielkollegen. Die Eheleute reden miteinander, aber sie verlieren sich zusehends. Truffauts Film war sehr frei in seiner Form, das hat mir gefallen. Er hatte große Resonanz bei mir“.

Für Honoré bedeutet Filmemachen stets eine Referenz an die großen Meister des Fachs: „Ich vertiefe mich gerne in die Geschichte des Kinos, vorzugsweise des französischen Kinos. Verspüre bei fast all meinen Filmen den Wunsch, einen Dialog zwischen dem gegenwärtigen Projekt und der Vergangenheit herzustellen. Kino ist für mich eine Spielwiese, meine Spielwiese, auf der ich mich hemmungslos austoben kann. Man kann das mit einer Fußballmannschaft vergleichen: Man hat ein Team und jeder Spieler spielt auf seine Weise. Der Trainer respektive Regisseur muss daraus eine passable Teamleistung machen. Die Strategie, die zu diesem Ziel führt, bezieht sich dann oft auf frühere Matches. Alte Schlachten, die man gewonnen hat, frühere Glanzleistungen. Als Teamführer oder als Künstler ist man immer in Verbindung mit anderen, die etwas gut gemacht haben“.

Mit Chiara Mastroianni, Tochter von Catherine Deneuve und Marcello Mastroianni, verbindet ihn eine langjährige berufliche Beziehung und eine tiefe Freundschaft. „Ja, man kann sagen, sie ist meine Muse“, so Honoré. Im Laufe der Jahre und durch die mittlerweile sechs Filme, die man miteinander gedreht habe, habe sich große Vertrautheit aufgebaut. „Chiara hat in ihren Vierzigern eine schauspielerische und menschliche Reife, die ich essenziell finde. Für mich zählt nicht die Jugend von Schauspielern, sondern ich bevorzuge compagnons de longue date, Menschen, die mich lange durch mein Leben begleiten“.

Honoré ist ein Multitalent, er schreibt neben dem Filmemachen noch Bücher, arbeitet am Theater und inszeniert Opern. „Klassische Musik ist meine Leidenschaft. Und noch viel mehr als Kino bietet Oper die Möglichkeit von großem Drama und Leidenschaft, großes Spektakel nah an den Menschen.“ In Lyon, Aix-en-Provence und München hat er schon inszeniert, in Wien würde er gerne.

Kann sich ja durchaus noch ergeben.

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