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Placebo-Frontmann Brian Molko: „Die Welt ist nicht weniger homophob“

Der Musiker erzählt, warum er begonnen hat, Kleider und Make-up zu tragen - und wen er für mutige Vorreiter der Geschlechterfluidität hält.
NOVA ROCK 2022: KONZERT - PLACEBO

Es löste eine Welle der Empörung aus, als die von Frontmann Brian Molko und Bassist Stefan Olsdal gegründete Band Placebo im Juni 1996 ihr selbstbetiteltes Debütalbum veröffentlichte. Denn die beiden platzten mit geschlechtsfluidem Auftreten und Post-Punk-Sounds in den Höhepunkt der chauvinistischen Brit-Pop-Welle. Zum 30-Jahr-Jubiläum haben die beiden dieses zwölf Millionen Mal verkaufte Album unter dem Titel „Placebo RE:CREATED“ neu aufgenommen. Sie wollten damit die Entwicklung einbeziehen, die diese Songs durch das Live-Spielen gemacht haben.

Im KURIER-Interview erzählt Molko, was die beiden damals angetrieben und so kontrovers gemacht hat.

KURIER: Als das Album „Placebo“ erschien, galten Sie als provokante Reaktion auf die Britpop-Bands . . .

Brian Molko: Ja, aber wir haben definitiv nicht auf die machohaften Mainstream-Acts wie Oasis reagiert. Denn die haben uns absolut nicht interessiert. Wir waren einzig und allein damit beschäftigt, herauszufinden, wer wir als Menschen sind und was unsere Identität als Band ist. Was uns konfrontativ und provokativ gemacht hat, waren die homophoben Beleidigungen und Drohungen, denen Stefan und ich tagtäglich ausgesetzt waren. Darauf haben wir reagiert. Denn immer, wenn wir in eine Bar oder in ein Konzert gegangen sind, haben uns total fremde Menschen angepöbelt, beschimpft und uns sogar physische Gewalt angedroht.

Das ist erschütternd.

Na ja, das war die Kultur Mitte der 90er-Jahre in Großbritannien. Sie nannten mich „Nancy Boy“, was ein degradierendes Slangwort für Homosexuelle ist. Und dabei habe ich mich gar nicht richtig angestrengt: Ich hatte nur Eyeliner, Nagellack und langes Haar. Da dachte ich: Was, wenn ich die Lautstärke mal auf 11 drehe und mit Absicht provokant bin? Ich begann, Kleider anzuziehen, viel mehr Make-up zu tragen und die Ästhetik abseits der Hetero-Normen zu erforschen. Außerdem dachte ich, ich schreibe den Song „Nancy Boy“ und erzähle damit allen, wie viel mehr Spaß als andere ich habe, wenn ich in London ausgehe.

Die beste Rache!

Es ging nicht um Rache, sondern darum, diesen Ausdruck „Nancy Boy“ zu nehmen und die Macht von diesen engstirnigen, vorurteilsbehafteten Leuten zurückzugewinnen. Denn Intoleranz und Ungerechtigkeit haben Stefan und mich immer schon extrem wütend gemacht. Andere Songs drehten sich um unsere Ängste, Entfremdung und das Erforschen der Sexualität. Aber „Nancy Boy“ war unser politisches Statement für Toleranz. Und ich denke, ich war damit sehr erfolgreich. Denn junge Männer, die ins Konzert kamen, dachten, wow, dieses Mädchen auf der Bühne ist sexy, die will ich flachlegen. Wenn ihnen dann jemand gesagt hat, das Mädchen heißt Brian, mussten sie heimgehen und sich ein paar Fragen über sexuelle Fluidität stellen.

Als David Bowie, mit dem Sie oft zusammengearbeitet haben, 1970 auf dem Cover von „The Man Who Sold The World“ ein Kleid trug, gab das einen ähnlichen Skandal. Warum, glauben Sie, hatte sich seit damals nichts an den Vorurteilen verändert, dass Ihr Auftreten mit „Nancy Boy“ immer noch als so provokativ angesehen wurde?

1970 war noch eine viel restriktivere Zeit, weshalb David damit noch viel mutiger war als ich. Ich war eigentlich gar nicht mutig. Mit 22 hatte ich viel mehr Selbstbewusstsein als jetzt. Eine starke, punkige „Scheiß drauf“-Attitüde war fest in meiner Persönlichkeit verankert. Aber der wirklich mutige Vorreiter war Little Richard, den sowohl David als auch ich angebetet haben. Denn als Schwarzer in den Jahren der Rassentrennung auf eine Bühne zu gehen, war allein schon gefährlich genug, aber er trug auch noch Make-up und war sexuell ambivalent.

NOVA ROCK 2022: KONZERT - PLACEBO

Finden Sie, dass die Vorurteile gegenüber der LGBT-Community mit dem überall stattfindenden Rechtsruck wieder ärger geworden sind?

Wenn ich heute durch die Welt gehe, sehe ich, dass LGBT-Leute, all jene von uns, die nicht zu 100% heterosexuell sind, viel sichtbarer geworden sind. Das ist sehr wichtig und positiv. Aber ich stelle auch fest, dass wir als Weltbevölkerung nicht vorurteilsfreier oder weniger homophob sind als in den 90er-Jahren.

Viele Ihrer Songs drehen sich um seelische Qualen und die Suche nach dem Sinn des Lebens. In der Doku „Placebo: This Search For Meaning“ sagten Sie, dass es Religionen nur gibt, weil es schwer zu akzeptieren ist, dass das Leben vielleicht keinen Sinn hat. Sind Sie seither in Ihrer Suche nach dem Sinn weitergekommen?

Ich glaube immer noch, dass Religion die größte gemeinsame Verblendung der Menschheit ist. Ich studiere den tibetischen Buddhismus, der aber für mich keine Religion ist, weil kein Gott angebetet wird. Buddhismus ist eine Philosophie, die dich anhält, die notwendige innere Arbeit an dir selbst zu machen. Das spricht mich extrem an und hat mir sehr geholfen. Andererseits bewundere ich auch Albert Camus. Er sagt: „Wenn das Leben schon keinen Sinn hat, lass uns deswegen nicht depressiv werden. Lass uns stattdessen dieser Leere ins Gesicht lachen, Sex haben, Party machen und zu toller Musik tanzen.“ Das spricht mich genauso stark an. Camus’ Absurdismus und Buddhismus – die sind beide für mich sehr wichtig.

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