© Ohlbaum Isolde

Literatur
07/27/2019

In Norbert Gstreins Roman zweifelt sogar der Mathematiker

Allerhöchste Skepsis besteht bei „Als ich jung war“ des Tiroler Schriftstellers.

von Peter Pisa

Was geschah zwischen:
„Als ich jung war, glaubte ich an fast alles ...“
und
„... und später an fast gar nichts mehr“?
In diesem Raum untersucht Norbert Gstrein im neuen Roman  uns Menschen: „die anderen“, die man sowieso nie wirklich kennenlernen wird; und „sich selber“ – eine Begegnung, die kompliziert genug ist.

Brautleute

Franz ist der Erzähler. Er hängt im Spital am Tropf, er wurde verprügelt, und schreibt seine Erinnerungen auf. Kann man ihm glauben?
Na  sicher nicht.
Als er jung war, fotografierte Franz im Auftrag seines Vaters, dessen Schlossrestaurant in Tirol  gern für Hochzeiten gebucht wurde. die Brautleute, eine Braut bleibt unvergessen:
Zuerst putzte sie vor allen ihren Mann herunter, dann ließ sie sich von ehemaligen Liebhabern entführen, „brauchtumsmäßig“ (für vier Stunden), dann war sie tot, vom Schlossberg gestürzt.
Der Kommissar glaubt, sie sei gestoßen worden.
Eine Nonne, höchst auffällig wie alle Mitwirkenden im Roman, meint: Ein Mann muss nicht an Ort und Stelle sein, um eine  Frau in den Abgrund zu schubsen.
SkilehrerNiemand in „Als ich jung war“ ist zu durchschauen. Zusammenreimen kann man sich vieles, mehrere Krimis  entstehen auf diese Art.
Aber genau darum geht es  Norbert Gstrein: dass man misstrauisch bleibt,  auch wenn es nach Flucht aussieht, als Franz nach Amerika geht und in Wyoming als Skilehrer arbeitet, jahrelang.
Und auch wenn eine Musikerin Angst vor ihm hat.
Auch wenn eine Freundin spurlos verschwindet.
Franz schafft es immer, sich verdächtig zu machen.
Sein liebster Schüler, ein  Raketenphysiker, ist ein eigenes Buch, das – genau wie Franz – immer neu zu lesen ist, sobald man es wieder aufschlägt. Zusammen ergeben sie  ein drittes Buch ...
Im Leben jedes Menschen gibt es eine Geschichte, die man niemandem erzählen möchte. Wird sie doch erzählt, wie hier, muss sie unklar bleiben. Sonst ist Weiterleben schwer möglich.
Norbert Gstreins Romane haben einen sehr eigenen Sound, bei dem man oft mit muss. Diesmal, zum ersten Mal, will man ihn nach dem Ende gleich noch einmal hören. (Aber auch in diesem Fall sollte man äußerst skeptisch bleiben.)


Norbert Gstrein:
 „Als ich
jung war“
Hanser Verlag.
352 Seiten.
23,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

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