Kultur
16.03.2018

In heruntergelassenen Hosen der Lächerlichkeit preisgegeben

Stephanie Mohr inszenierte Felix Mitterers "In der Löwengrube" im Theater in der Josefstadt als hinreißende Komödie.

Die Versuchung war wohl groß. Doch Stephanie Mohr ist ihr nicht erlegen. In ihrer Inszenierung von Felix Mitterers Stück "In der Löwengrube" weist Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, keine Ähnlichkeiten mit Herbert Kickl auf. Claudius von Stolzmann versucht sich leicht grimassierend, das steife Bein beiläufig vor das andere setzend, am weichen niederfränkischen Dialekt.

Nur einmal erlaubt sich Mohr eine Anspielung. Denn Goebbels legt in seiner Lobrede auf das Tiroler Naturtalent Höllrigl, der als Wilhelm Tell Begeisterungsstürme ausgelöst hat, nicht nur dar, warum das Theater als Schauplatz der Nation "vollkommen von fremdem Blute gereinigt" werden musste: Er spricht sich auch dafür aus, unliebsame Menschen "konzentriert" unterzubringen.

Stoisch lässt der gefeierte Held die widerwärtige Rede des Nationalsozialisten über sich ergehen. Und ein klein wenig lacht er sich ins Fäustchen. Denn er spielt den Tiroler nur. Arthur Kirsch, vor einem Jahr mit Schimpf und Schande verjagt, ist maskiert zurückgekehrt: "Wenn ich nicht als Jude Theater spielen darf, dann eben als Arier."

Der Verzweiflungstäter

Als Anregung für sein perfekt gezimmertes Stück diente Mitterer das Schicksal des österreichischen, in Berlin lebenden Schauspielers Leo Reuss. 1933 kam Hitler an die Macht, Ende 1934 erhielt Reuss Arbeitsverbot. Er emigrierte nach Österreich, fand jedoch keine Arbeit. Im Sommer 1936 gab er sich bei Max Reinhardt in Salzburg als Kaspar Brandhofer aus, der unbedingt zum Theater wollte. Über dessen Vermittlung wurde Reuss am Theater in der Josefstadt engagiert. Und er glänzte in der Dramatisierung der Schnitzler-Novelle "Fräulein Else". Doch danach gab Reuss seine Identität preis. Er wurde wegen Betruges angezeigt – und wanderte in die USA aus.

Auf den Stoff gebracht wurde Mitterer Mitte der 90er-Jahre von Otto Schenk; doch der Publikumsliebling scheute die Uraufführung (die daher 1998 im Volkstheater stattfand).

Denn Mitterer hatte die Geschichte aus der Zeit des Austrofaschismus in den März 1938 verlegt: Nach dem "Anschluss" und Hitlers Rede auf dem Heldenplatz – die Premiere in der Josefstadt fand daher ganz bewusst am 15. März statt – übernehmen die Nazi-Schergen auch das Theater in Mitterers Komödie. Dass es sich dabei ums Josefstädter handelt, macht Miriam Busch klar: Ihre Drehbühne ist im gleichen Stoff tapeziert wie der Saal. Zu Beginn zwingt die Gift, Galle und Speichel sprühende Nazi-Schablone Strassky (Alexander Absenger), die später in heruntergelassenen Hosen der Lächerlichkeit preisgegeben werden wird, den jüdischen Kollegen Kirsch, mit der Bürste den Boden zu schrubben.

Ein Jahr später kehrt dieser zurück. Und Sakra! Florian Teichtmeister brilliert als Tiroler, der alle, fast alle, hinters Licht führt. Zunächst wird er nur von Eder, dem Bühnenarbeiter, und Meisel, dem Spielleiter, erkannt. Nini von Selzam hat Alexander Strobele und Peter Scholz ähnlich eingekleidet: grau und mit Hosenträgern. Denn die beiden versuchen sich durchzulavieren, leisten subtil Widerstand und haben das Herz am rechten Fleck.

Der Wahlkampfleiter

Keine Frage: Mohrs Inszenierung ist durch und durch konventionell. Aber trotzdem: Was für ein freudiger Abend! Mohr betont die Komödie – und das Ensemble agiert mit größter Freude nicht nur am Spiel. Jeder, fast jeder, vermag zu rühren, darunter Pauline Knof als Diva, die so gerne lieben würde – nicht nur sich und das Rampenlicht.

Oder André Pohl als Nazi-Kollege Polacek, der auf Wunsch von Höllrigl wegen "nicht-arischen Aussehens" entlassen wird. Er spürt nun am eigenen Leib, was er hämisch grinsend Kirsch angetan hatte. Doch ist diese Rache zu billigen, selbst wenn Kirsch nebenbei einer Jüdin das Leben rettet? In diesen Szenen ist es ganz, ganz still in der Josefstadt. Und gebannt fragt man sich stundenlang, ob Kirsch den versprochenen starken, fatalen Abgang wirklich wahr macht.

Nach der Premiere wurde Mitterer vom Kulturstadtrat geehrt. Und der Direktor meinte, dieser habe die richtige Farbe. Herbert Föttinger hat sich damit als SPÖ-Wahlkampfleiter empfohlen.