Kultur
09.05.2017

In der Ukraine findet die Literatur die eigene Sprache

Früher waren 90 Prozent der Bücher im Song-Contest-Land russisch. Nun blüht die Übersetzung auf.

Buchläden sind zurückgekehrt in das Zentrum Kiews – an die besten Adressen. Dorthin wo sich zuvor Flagship-Stores unerschwinglicher Modemarken einquartiert hatten, um eine Glamour-Welt zu zelebrieren, der sich mehr und mehr junge Kiewer aber bewusst verweigern. Eine "neue Generation" nennt es Pavlo Shwed. Eine, die sich aus Literaten, Musikern, Malern, Aktivisten, Grafikern, Designern, Intellektuellen oder einfach Interessierten zusammensetzt. Bärte, bunte Billig-Sonnenbrillen, selbst gedrehte Zigaretten, Retro-Räder, schicke Kleider und Cafes. Eine Do-It-Yourself-Generation, die mit genüsslicher Selbstironie mit Gepflogenheiten bricht.

Crowdfunding

"Es selbst gemacht" hat auch Pablo Shwed. Aus dem Nichts hat er vor zwei Jahren über Crowdfunding begonnen, Geld für Übersetzungen und Publikationen zusammenzukratzen. Seit damals sind es 18 Bücher, die er über seinen eigenen Verlag Komubook herausgegeben hat – wobei er für sich eine Nische gefunden hat: Moderne Klassiker des 20. Jahrhunderts sowie philosophische und psychologische Literatur. Publiziert wird in ukrainischer Sprache.

Und das ist das Neue.

In den Zeiten der Sowjetunion dominierte Russisch. Die Auswahl westlicher Literatur war limitiert. Nach dem Fall der Sowjetunion änderte sich das zwar, nicht aber die russisch-sprachige Dominanz auf dem Buchmarkt. Ukrainische Publikationen blieben eine Nische.

Wurden vor der Revolution in der Ukraine 2013/’14 90 Prozent der Bücher in russischer Sprache verkauft, so hat sich das umgekehrt – durchaus auch durch hinterfragbare politische Maßnahmen. So war die Einfuhr russischer Bücher zwischenzeitlich immer wieder sanktioniert – was wiederum dazu geführt hat, dass sich ein blühender Schwarzmarkt entwickelt hat. Seit dem Fall der Sowjetunion war die Sprachenfrage in der Ukraine ein zwar von der Politik und einigen extremen Kreisen gerne benutztes, aber in der Lebensrealität der Menschen inexistentes Problem. Mit dem Krieg im Osten der Ukraine und der Annexion der Krim durch Russland ist sie nun in manchen Kreisen durchaus zu einem echten und zum Teil problembehafteten Thema geworden.

Pablo Shweds Ein-Zimmer-Wohnung in einem Außenbezirk Kiews ist eine vielsprachige Bibliothek. Tausende Bücher stapeln sich. Sprachen sind für ihn, der Ukrainisch, Polnisch, Russisch, Deutsch, Englisch und etwas Französisch spricht, kaum ein Hindernis. Als "frustrierend" beschreibt er aber das Warten auf Veröffentlichungen in seinen Interessensbereichen – was den Ausschlag zu seinem Projekt gab. Heute passiert, was es vor weniger Jahren noch nicht gab. Internationale Autoren, versuchen in der Ukraine gezielt auf Ukrainisch publiziert zu werden, diverse Massenmedien publizieren plötzlich Rezensionen und Lese-Listen. Ein Markt sei es heute, sagt Pablo Shwed, der vom Interesse der Leser getrieben werde. So war die Buchmesse im Kiewer Kulturzentrum Arsenal über Jahre ein Minderheitenprogramm. 2014 rannten Interessierte den Veranstaltern aber plötzlich die Türen ein.

Nicht mehr politisch

Von einem bisher nicht dagewesenen Selbstverständnis spricht Pablo Shwed: "Auf Ukrainisch zu publizieren ist heute keine politische Sache mehr – Verlagshäuser versuchen eben nicht mehr Politik zu machen, sondern Geschäft." Und so sieht er auch die Praxis der 90er- und frühen 2000er-Jahre durchaus kritisch, als Übersetzungen sehr oft durch Gelder staatsnaher westeuropäischer Kultur-Institutionen zustande kamen: "Das war vielleicht im zeitlichen Kontext sinnvoll – aber nicht nachhaltig."

Der Gewinn bei einer Publikation ist gering, der Wettbewerb hart. Die Konsequenz ist laut Pablo Shwed ein Problem mit der Qualität von Übersetzungen – zum Teil auch, weil Verleger die Originale nicht kennen würden. Bei aller Dynamik – eine Publikation, die 2000 oder 3000 Exemplare verkauft, ist bereits ein Erfolg. Gegenüber fast 50 Millionen Einwohnern eine verschwindend geringe Zahl. "Wir stehen am Anfang", sagt Pawlo Shwed. Dass sich Buchläden aber an den teuersten Adressen Kiews ansiedelten, sagt er, "das hat schon Symbolkraft."