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Kultur
10/24/2020

Udo Kier über Schlingensief: "Ich dachte: Wow! Der ist mutig"

Interview: Udo Kier über seine Zusammenarbeit mit Christoph Schlingensief, dem die Viennale einen Film-Schwerpunkt widmet.

von Bernhard Praschl

Die Viennale hat heuer einen riesigen Christoph Schlingensief-„Memories“-Block im Programm. Der vor zehn Jahren verstorbene Regisseur wäre heuer 60 Jahre alt geworden. Der deutsche, seit 1991 in den USA lebende Schauspieler Udo Kier („Altes Geld“, „Downsizing“) hat mehr als ein halbes Dutzend Filme mit ihm gedreht.

KURIER: Herr Kier, Sie wären auch als Ehrengast der Viennale vorgesehen gewesen, leben aber seit Jahren in den USA und sagten daher wegen Covid-19 verständlicherweise ab.

Udo Kier: Vor Kurzem wurde ich 76 Jahre alt, da zähle ich ja zu einer gefährdeten Altersgruppe. Wie der nur zwei Jahre jüngere Trump seine Infektion so rasch wegsteckte, bleibt mir ein Rätsel. Ich wollte das Risiko eines Transatlantikfluges in ein beinahe ganz rotes Österreich nicht eingehen.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Zusammenarbeit mit Christoph Schlingensief?

Gute. Er lebte damals in Mühlheim an der Ruhr, ich in Köln, da liegt  eine halbe Autostunde dazwischen. Wir waren  fast Nachbarn. Wäre es anders gewesen, hätte ich mit ihm in einer WG gelebt – wie zuvor  mit Fassbinder.

Wie lernten Sie  sich kennen?

In Berlin, bei den Filmfestspielen. Ich sah dort einen Film, der mich faszinierte, „Menu Total“. 1986 war das. Er wurde ausgepfiffen, mich hat er fasziniert. Ich dachte, ‚Wow! das muss ein mutiger Regisseur sein.‘ Dann ging ich ins Restaurant  und da saß schon dieser junge Mann mit einer sehr schönen Frau:  Schlingensief und Tilda Swinton. Wir kamen ins Gespräch und beschlossen, drei Wochen später einen Film zu drehen.

Das war dann "Egomania - Insel ohne Hoffnung"?

So ist es. Ich im Mantel mit Pelzkragen, Tilda als märchenhafte Schöne. Das war eine Zeit, in der nicht von Verträgen und Honoraren gesprochen wurde. Da wurde einfach gemacht. Christoph hat sich verschuldet und das bei Kälte und Schnee durchgezogen. Wir alle haben in einem Haus gewohnt, wie in einer WG.

Bis Sie fünf Jahre danach wegen Gus Van Sants „My Private Idaho“ in die USA übersiedelten, drehten Sie sechs Filme mit Schlingensief, darunter das „Deutsche Kettensägenmassaker“.

Das waren intensive Produktionen, da war immer viel los. Aber da war noch etwas: Dank Christoph Schlingensief kam ich 2003 auf die Bühne des Wiener Burgtheaters, in seiner Inszenierung von Elfriede Jelineks „Bambiland“.

Ein großer Schritt für jemanden, der bei Ford am Fließband gejobbt und am Abend Schauspielkurse besucht hat.

Ja, das stimmt. Er wollte, dass ich für alle geplanten Aufführungen in Wien bleibe, aber so sehr ich das Hotel Sacher und die Loos Bar liebe, ging sich das nicht aus.

Wie haben Sie sich von ihm verabschiedet?
Am Telefon und nur im Guten.

Herr Kier, wie ist es Ihnen in diesem Jahr ergangen. Sie wirken sonst bei fünf bis acht Filme im Jahr mit, und heuer?

In diesem Jahr habe ich in den USA nur einen Film gedreht und das unter Einhaltung aller Covid-19-Regeln: "The Blazing World", eine spektakuläre Familiengeschichte von und mit der jungen und vielversprechenden Regisseurin Carlson Young. "My Neighbor Adolf" ist eine israelisch-polnisch-kolumbianische Produktion, in der ich mitwirkte und die am 28. Februar, knapp vor dem Lockdown, in Brasilien abgedreht wurde. Ich spiele dabei einen Mann, der von seinem Nachbarn, einem Holocaust-Überlebenden (David Hayman), verdächtigt wird, Adolf Hitler zu sein. In der Rolle einer Frau Kaltenbrunner spielt übrigens eine bekannte Österreicherin mit: Olivia Silhavy.

Da schließt sich ja fast der Kreis zu Schlingensiefs "100 Jahre Adolf Hitler - Die letzte Stunde im Führerbunker", in dem Sie die Hauptrolle hatten.

Aber nur fast, denn Christoph war einzigartig.

Programmtipps: Schlingensiefs Afrika-Film „African Twintowers“ sowie „Menu Total“ sind heute Samstag ab
11 Uhr im Metro zu sehen
,"Egomania" steht am Sonntag um 23.15 Uhr im Stadtkino im Künstlerhaus auf dem Programm

       

 

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