Kultur 27.03.2012

Hunter S. Thompson: König des Gonzo

Er lebte schnell, intensiv und erfand den Gonzo-Journalismus: Dr. Hunter S. Thompson. Das Buch "Kingdom of Gonzo" liefert eine Auswahl von Interviews mit dem Autor.

Sie hatten heute morgen schon zwei Bloody Marys, drei Bier und ungefähr vier Löffel einer weißen Substanz und Sie sind erst vor einer Stunde aufgestanden." Mit diesen Worten beginnt eine Frage, die der Playboy 1974 dem Journalisten und Autor Hunter S. Thompson stellte. Dass der Schöpfer von "Fear and Loathing in Las Vegas" Alkohol und Drogen abgeneigt war, würde wohl niemand behaupten. Zuletzt er selbst. Ganz im Gegenteil, Thompson machte nie einen Hehl daraus. Er war lieber mitten drin, statt nur dabei. Daraus entwickelte sich auch sein Gonzo-Journalismus. Diese Spielart des New Journalism ist von der subjektiven Sicht des Autors geprägt. Der Erzähler ist unweigerlich mit der Geschichte verbunden. Dadurch vermischen sich reale, autobiografische und teilweise auch fiktive Erlebnisse zu einem Ganzen. Thompson geizte in seinen Geschichten nie mit Flüchen, Polemik, Sarkasmus, Ironie und Humor - ebenfalls charakteristisch für diese Form des Journalismus.

In den achtzehn ausgewählten Interviews, die zwischen 1967 und 2005 entstanden und nun auf Deutsch im Buch "Kingdom of Gonzo. Interviews mit Hunter S. Thompson" erschienen sind, spricht Thompson offen über seinen ausschweifenden Lebensstil, seine Bücher, seine Geschichten und was es heißt, Gonzo-Journalist zu sein. Die Interviews wurden unter anderem im Playboy, Spin, Rolling Stone, Vanity Fair und dem Esquire Magazine veröffentlicht. Geordnet nach Entstehungsjahr bieten sie einen Überblick über die Entwicklung von Thompson - direkt nach seinem ersten Roman "Hells Angels" (1967) bis kurz vor seinem Selbstmord am 20. Februar 2005. Knapp 40 Jahre Journalismus, Politik und Gonzo.

Gonzo pur

"Kingdom of Gonzo - Interviews mit Hunter S. Thompson" lässt auf über 250 Seiten den König des Gonzo zu Wort kommen.
© Bild: Edition Tiamat

Gerade Thompsons Verhältnis zum Gonzo-Journalismus zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Beschreibt er anfänglich die Entstehung dieses Schreibstil, versucht er sich in den letzten Interviews davon zu distanzieren und beschreibt es sogar als "Schlamperei". Aber von Anfang an:

"Es war eines dieser schrecklichen Deadlinegerangel und mir rannte die Zeit davon. Ich war verzweifelt. (...) Ich war total zugedröhnt, konnte nicht arbeiten. Also fing ich schließlich an, Seiten aus meinem Notizbuch herauszureißen, zu nummerieren und sie an den Drucker zu schicken. Ich war mir sicher, das würde der letzte Artikel sein, den ich jemals für jemand schreiben würde." Das Gegenteil war der Fall, Thompson wurde gefeiert, es sei "ein großer Durchbruch im Journalismus". Den Namen "Gonzo" las Thompson auf einer Notiz von Bill Cardoso, der damals beim Boston Globe arbeitete. Dieser schrieb: "Verdammt heiße Sache. Volltreffer. Das ist es, das ist Gonzo pur." Thompson gefiel das Wort und verwendete es fortan für seinen Stil.

Den Hauptunterschied zu New Journalism sah er damals darin, dass deren Vertreter Geschichten zu rekonstruieren versuchten, während "ich gern mitten drin stecke". Jahre später, 1998,  beschrieb er Gonzo gegenüber dem Esquire folgendermaßen: "Das war nichts als rein kommerzieller Journalismus: Wenn es keine Story gibt und man auf die Titelseite will, dann erfinde verdammt noch mal eine Story!" Wenig später meinte er sogar, dass sein Schreibstil aus reiner Faulheit entstand und es eigentlich pure Schlamperei gewesen sei.

Auf den 254 Seiten des Buches erklärt Thompson aber nicht nur seine Schreibweise. Nachlesen kann man auch: Warum er Richard Nixon hasste, mit ihm aber trotzdem über Football redete. Sein Verhältnis zu Drogen, Politik, den Hells Angels, ob tatsächlich alles so passierte, wie er es in "Fear and Loathing in Las Vegas" beschrieb und wie er am liebsten sterben würde. Thompson in Hochform. Er hatte zu jedem Thema etwas zu sagen, er schimpft und übertreibt – so wie seine Bücher, lesen sich auch seine Interviews.

Zur Person: Drogenfreak & Ausnahmetalent

Hunter S. Thompson mit Johnny Depp ("Raoul Duke") und Benicio Del Toro ("Dr. Gonzo") bei der Premiere der Filmadaption "Fear and Loathing in Las Vegas".
© Bild: AP

Hunter Stockton Thompson wurde am 18. Juli 1937 geboren und wuchs in Zeiten des Rock´n´Roll und später der Beat Generation in Louisville auf. 1966 erschien sein Buch über die Hells Angels, das ihn schlagartig berühmt machte. Sein bekanntestes Werk ist "Fear and Loathing in Las Vegas", das Jahre später mit Johnny Depp in der Hauptrolle des " Raoul Duke" (Thompsons Alter Ego) verfilmt wurde. Gezeichnet von seinem ausschweifenden Lebensstil erschoss er sich am 20. Februar 2005 in seinem Haus in Aspen. Sein kurzer Abschiedsbrief zeigt, dass er seine Lebenslust verloren hatte: 

"Keine Spiele mehr. Keine Bomben mehr. Kein Laufen mehr. Kein Spaß mehr. Kein Schwimmen mehr. 67. Das ist 17 Jahre nach 50. 17 mehr als ich brauchte oder wollte. Langweilig. Ich bin nur noch gehässig. Kein Spaß - für niemanden. 67. Du wirst gierig. Benimm dich deinem hohen Alter entsprechend. Entspann` dich - dies wird nicht wehtun."

2011 wurde der Roman "The Rum Diary" ebenfalls mit Depp als Thompson verfilmt. Die Bücher von Hunter S. Thompson gehören mittlerweile zum Kanon der amerikanischen Literatur und stehen auf dem College-Lehrplan.

Info:
"Kingdom of Gonzo - Interviews mit Hunter S. Thompson"
Aus dem Amerikanischen von Carl-Ludwig Reichert,
Edition Tiamat; 18 Euro

( Kurier ) Erstellt am 27.03.2012