© Josephine Pryde

Kultur
12/13/2019

Hochglanz mit Hirn: mumok-Ausstellung kratzt an den Oberflächen

Die Ausstellung „Objects Recognized in Flashes“ unterzieht die Werbe-Ästhetik einem kritischen Blick

von Michael Huber

Es gab vermutlich noch nie so viele geile Bilder wie heute.

Der Ausdruck scheint angebracht, weil jene Fotos, die uns heute auf Plattformen wie Instagram und in Hochglanzprospekten begegnen, unverhohlen auf ein Lustempfinden abzielen. Vom Pornografischen soll hier gar nicht die Rede sein – es geht um Autos, Parfüm- und Whiskyflaschen, um Jachten und wohl auch um menschliche Körper, die genauso glatt und makellos erscheinen müssen wie die Karosserien von Luxusgefährten. Um Motive so aussehen zu lassen, fließt viel Energie in Inszenierung und digitale Bearbeitung.

Zugleich hat die künstlerische Fotografie ein Inflationsproblem: Es scheint kaum noch Nischen zu geben, wo sie einen Sonderstatus behaupten kann. Jene vier Künstlerinnen, die das mumok derzeit in der Gruppenschau „Objects Recognized in Flashes“ zeigt, suchen neue Aspekte in einer übersteigerten Inszenierung, die versucht, Aggregatszustände der Fotografie – vom Digitalbild bis zum Hochglanzabzug – mit in den Blick zu nehmen.

Kunst ist ... künstlich

Von der Idee, eine vorgefundene Wirklichkeit abzubilden, haben sich Michele Abeles, Annette Kelm, Josephine Pryde und Eileen Quinlan weitgehend verabschiedet. Was im Bild erscheint, ist stets bewusst gesetzt, unsere Aufmerksamkeit möge sich bitteschön der Frage widmen, wie es erscheint.

Annette Kelm etwa fährt in ihren Bildern gern alle Hinweise auf räumliche Tiefe auf ein Minimum zurück – ein rot-weißes Stoffmuster wird nur durch einen kleinen Faltenwurf als „stofflich“ erkennbar. Geldscheine nimmt Kelm gern als Motiv zur Hand: Sind die Scheine doch auch irgendwie Bilder, vor allem aber Symbole – dass sie greifbare Dinge sind, verrät nur ein winziger Schatten.

Die Fotografie, die das mumok hier präsentiert, ist nah an Begriffen gebaut, sie will die Unterscheidungsfähigkeit in der Bildbetrachtung schulen.

Der Rede von der „kritischen Reflexion“ wird da nicht selten wörtlich genommen: Josephine Pryde setzte dafür etwa im Werk „Untitled (Gold)“ von 2001 ein brennendes Feuerzeug in eine verspiegelte Ecke, um eine kaleidoskopartige Verdopplung des Dings und seines Lichts zu erreichen. Eileen Quinlan fotografierte im Bild „Smoke and Mirrors“ (2005), genau, Rauch und (übereinandergelegte) Spiegel – wohl wissend, dass die Wendung im Englischen kurz für Illusion oder „Lug und Trug“ steht.

Am Tablet serviert

Heute gilt es freilich, die spiegelnden Oberflächen von Handys und Tablets, durch die der große Teil der Bilder unser Auge erreicht, in den Blick zu nehmen.

Michele Abeles tut dies, indem sie unspektakuläre Aufnahmen auf einem Tablet anfertigt – etwa von einem Pullover, der an einer Kaufhauskasse gescannt wird. Der Bildschirm wird exakt abfotografiert, im Großformat-Abzug ist dann nicht nur der Pullover, sondern auch die pixelige Darstellung des digitalen Geräts zu sehen. Manch einer erblickt in dem Bild vielleicht auch den „Warencharakter“ an sich: Denn natürlich ist nicht nur der Pullover im Kaufhaus, sondern auch die limitiert aufgelegte Fotografie den Kräften des Markts unterworfen.

Hinter dem Spiegel

„Sorry Not Sorry“: Das Bild von Josephine Pryde (2017), das sein Spiel mit der Spiegelfläche eines Tablets treibt, bezeichnet vielleicht auch die grundsätzliche Mehrgesichtigkeit der Schau. Der Finesse der Werke – es sind durchaus „geile Bilder“ – steht eine teils allzu konstruierte Schlauheit gegenüber, so als prämiere irgendwo eine Jury die Höchstdichte der Reflexionsebenen und nicht das beste Bild. Das Ausstellungsumfeld – mit einem sensationell leseunfreundlichen Wandtext und wenig Zusatzinformationen – erleichtert das Engagement nicht unbedingt.

Nichtsdestotrotz ist „Objects Recognized in Flashes“ ein guter Startpunkt, um zu begreifen, dass fotografische Bilder in vielen Dimensionen gelesen werden wollen – und dass es nötig ist, dafür ein Werkzeug parat zu haben. Durch das selbst gesetzte Thema bleibt die Schau an der Oberfläche: Die Algorithmen und Mechanismen, die hinter den Schirmen bestimmen, welche Bilder wir sehen, müsste man noch in einer eigenen Schau reflektieren.