Kein Interesse am Seitensprung: Scheidung auf Isländisch
Hlynur Pálmason lässt seine eigenen Kinder mitspielen in „The Love That Remains“.
Man kennt diese Redewendung; Das Dach über dem Kopf verlieren. Der isländische Regisseur und bildende Künstler Hlynur Pálmason nimmt sie wörtlich. Er zeigt, wie das Blechdach eines Hauses an der isländischen Küste aus seiner Verankerung gerissen wird. Ein paar Sekunden schwebt es, gehalten von einem Kran, durch die Luft, dann lässt es das Gebäude ohne seine schützende Bedeckung zurück.
Eine blonde Frau sitzt im Auto und beobachtet das Bild der Zerstörung.
Es ist eine eindringliche Aufnahme, mit der Hlynur Pálmason seinen Film „The Love That Remains“ (derzeit im Kino) beginnt und buchstäblich davon erzählt, wie eine Existenz ins Wanken gerät: „Ich habe dieses Bild in großer Verzweiflung gedreht“, erzählt der 41-jährige Filmemacher im KURIER-Gespräch in Graz, wo ihm die Diagonale einen Filmschwerpunkt widmete: „Man kann darauf sehen, wie mein Studio demontiert wird. Ich habe lange darum gekämpft, es zu erhalten, und verloren.“
Isländischer Regisseur Hlynur Pálmason: „Alles hausgemacht.“
Das war 2017 und Pálmason wusste nicht, was er mit dem Filmmaterial anstellen sollte. Doch dann entschied er, dass es wunderbar als Einstieg in sein Filmprojekt „The Love That Remains“ („Die Liebe, die bleibt“) taugte: „Als perfektes Bild für ein Porträt über eine gebrochene Familie.“
Auf den ersten Blick sieht die Familie gar nicht so zerbrochen aus. Die Eltern Magnus (Sverrir Guðason) und Anna (Saga Garðarsdóttir) sitzen gemeinsam mit den drei Kindern und den Schwiegereltern um den Tisch, es wird gegessen und gelacht. Danach allerdings zieht sich Magnus zum Schlafen in seine Kajüte zurück; er arbeitet auf einem Fischdampfer und muss bald wieder zur See; Anna versucht, als bildende Künstlerin Fuß zu fassen.
Nach der Trennung
Warum er und Anna sich getrennt haben?
„Es gibt bereits eine Menge Filme über Trennungen, und ich wollte etwas anderes machen“, sagt Pálmason: „Es hat mich nicht interessiert, ob sich die beiden aufgrund eines Seitensprungs oder sonst eines Konfliktes getrennt haben. Mir ging es um die Frage: Was bleibt nach einer Trennung? Ein Paar hat etwas Gemeinsames geschaffen, hat Erinnerungen, Kinder – aber dann lebt es sich auseinander, lässt sich scheiden. Wie schafft man es dennoch, trotz dieser Brüche, Zeit mit den Menschen zu verbringen, die man liebt? Mit den Kindern? Das war es, worauf ich mich konzentriert habe.“
Für Hlynur Pálmason ist Filmemachen übrigens nicht nur ein Job, den man ein paar Wochen im Jahr unter großem Stress ausübt, sondern Teil einer künstlerischen Lebenspraxis. Er arbeitet immer an mehreren Projekten gleichzeitig – Kurzfilme, Installationen, Langfilme (wie zuletzt das Historiendrama „Godland“) – und lässt sie in seinen täglichen Routinen ineinanderfließen. In „The Love That Remains“ sind die drei Kinder von Magnus und Anna, die freche Reden über Liebe und Sex führen, Pálmasons eigenen Kinder. Der Hund, der mitspielt, ist sein Hund, während das Haus, das die Familie bewohnt, im Besitz seiner Schwiegereltern ist. Und die Kunstobjekte, die Anna produziert, stammen ebenfalls von ihm: „Die Geschichte, die ich erzähle, ist fiktional, aber alles andere ist geprägt von meinem Leben, den Orten, in denen ich wohne, von meinen Freunden und meiner Familie. Es ist ein hausgemachter Film.“
Porträt einer zerbrochenen Familie: "The Love That Remains".
Schräge Impulse
In den wechselnden Jahreszeiten der isländischen Landschaft findet Pálmason wunderbar poetische Bilder. Aber auch sein surrealer Humor ist unverwechselbar und führt zu skurrilen, immer überraschenden Szenen: Wenn sich Anna nach dem Besuch eines verblödeten schwedischen Galeriebesitzers wünscht, dass sein Flugzeug abstürzt – stürzt es tatsächlich ab.
„Das ist ein Impuls, den Anna hat, weil ihr der Typ so auf die Nerven geht“, erklärt Hlynur Pálmason seinen Sinn für Komik: „Alle diese merkwürdig schrägen Szenen sind Impulse. ,Erster Gedanke, bester Gedanke’, sagte schon Beat-Poet Allen Ginsberg. Wenn ich einen Impuls habe, folge ich ihm. Und wenn er funktioniert, dann fühlt er sich authentisch an und ich lass ihn in meinem Film drin.“
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