Die Ausstellung in der Albertina war ein Wunsch von Hermann Nitsch. Und der Meister, letztes Jahr 80 geworden, ist nach der Besichtigung begeistert: „Hier kann man die Bilder so intensiv sehen wie nie zuvor.“ 

© Albertina

Kultur
05/16/2019

Nitsch: "Wer mich kennt, weiß, dass ich die Tiere liebe"

Die Albertina zeigt unter dem Titel "Räume aus Farbe" die Großformate des Universalkünstlers. Der 80-jährige Maler im KURIER-Interview.

von Thomas Trenkler

Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina, stellte mit Kuratorin Elsy Lahner in der Basteihalle eine Ausstellung zusammen, die sich auf die Gemälde des Aktionisten und Universalkünstlers Hermann Nitsch beschränkt. Der Titel der Schau, die gestern eröffnet wurde und bis 11. August läuft, ist durchaus passend. Denn „Räume aus Farbe“ präsentiert in erster Linie Zyklen mit kraftvollen Großformaten, zwischen 1983 und 2018 entstanden.

Ergänzt wird die Schau, für die auf die Bestände der Sammlung Essl (eine Schenkung bzw. Dauerleihgabe) zurückgegriffen wurde, mit den Ergebnissen der frühen Malaktionen 1960 und 1961 sowie dem „Blutorgelbild“, dem ersten Schüttbild mit Blut als Malmittel aus 1962.

Der KURIER traf den alten Meister, Jahrgang 1938, in der Basteihalle zum Interview. Den „Nitsch“ nicht zu duzen, wäre absurd.

KURIER: Lieber Nitsch, wie kam es denn zu dieser Ausstellung?

Hermann Nitsch: Es war ein Wunsch von mir. Ich habe in Wien wirklich überall ausgestellt: zweimal im Künstlerhaus, zweimal im damaligen 20er-Haus, im Palais Liechtenstein (als es die Heimstatt des Museums moderner Kunst war, Anm.), ich habe die Secession bemalt und so weiter. Ich habe alles erreicht, was man erreichen kann. In der Albertina aber gab es bisher nur eine kleine Gruppenausstellung der Wiener Aktionisten. Zunächst war davon die Rede, dass ich nochmals eine Einzelausstellung im Künstlerhaus bekomme (es wird gegenwärtig renoviert und ab 2020 von der Albertina bespielt, Anm.). Aber ich wollte hier ausstellen. Und der Wunsch ist mir erfüllt worden.

Die Albertina ist eigentlich die grafische Sammlung des Bundes. Du hast zwar ein sehr großes grafisches Werk, zu sehen sind aber nur Deine Ölgemälde. Ist das nicht ein Widerspruch?

Nein. So, wie Peter Noever (MAK-Direktor bis 2011, Anm.) das Programm ausgeweitet und hervorragende Kunst-Ausstellungen gemacht hat, macht das auch Schröder. Aber das tut der Albertina mit ihrem speziellen Ruf keinen Abbruch.

Dein Ziel war von Anfang an das Gesamtkunstwerk.

Richtig! Ich komponiere die Musik zu meinem Theater, ich mache synästhetische Versuche und so weiter. Und jetzt hat man sich eben einmal nur auf die Malerei – vor allem auf die verschiedenen Typen meiner Malerei – konzentriert. Warum nicht? Es gibt viele Versuche, Wagner-Opern ohne Musik aufzuführen. Die Texte werden gesprochen – wie im Burgtheater. Oder: Über meine Arbeit sind viele Doktorarbeiten geschrieben worden. Aber die greifen immer einen Aspekt heraus – in theologischer, in psychologischer, in philosophischer Hinsicht, bezogen nur auf Malerei oder Musik. Ich bin stolz darauf, dass meine Arbeit so vielschichtig ist, dass man Segmente herausgreifen kann. Oder: Die Musik meines Theaters wird sehr oft nur konzertant aufgeführt. Ohne Aktionen ist sie eigentlich auch nur ein Segment. So ist diese Ausstellung zu verstehen. Und sie ist großartig gelungen. Mir gefällt, wie mein „Glumpert“ hier zelebriert wird. Wenn man die weiteren Aspekte kennenlernen möchte, kann man nach Mistelbach oder Neapel fahren. Da wie dort ist das gesamte Werk aufbereitet.

Im Nitsch Museum Mistelbach gibt es neben Relikten, Fotos und Gemälden immer duftende Blumensträuße als Ergänzung. Hier hingegen herrscht Purismus.

Das Konzept ist eben von Schröder, und ich habe mich ihm untergeordnet. Ja, meine Ausstellungen sind anders. Aber mir tut es gut, wenn es einen anderen Blick gibt. Hier kann man die Bilder so intensiv sehen wie nie zuvor.

Du hast Dich nicht eingemischt in die Auswahl oder Hängung?

Die Auswahl habe ich mitbestimmt, mit der Hängung hatte ich nichts zu tun. Ich habe sie vor ein paar Tagen zum ersten Mal gesehen – und war begeistert. Nur in einem Saal habe ich ein paar Gemälde umgehängt – im beiderseitigen Einverständnis. Ich sehe nichts, was mir nicht behagt. Die Malerei ist zwar aus dem Gesamtkonzept herausgelöst worden. Aber man wird ohnedies zu den Videos geführt. Und da sieht man, wie sehr die Malerei als erste Stufe der Realisation meines Orgien Mysterien Theaters angelegt ist.

Die amorphe Architektur des OM Theaters hast Du immer wieder grafisch dargelegt ...

Ich begann mit den Zeichnungen aber erst, als ich mein Theater entwickelt hatte, das kein Gebäude und keine Bühne braucht. Die Architekturzeichnungen haben etwas Konzepthaftes. Ich wurde zu ihnen durch eine wunderbare Architekturausstellung von Walter Pichler und Hans Hollein in der Galerie St. Stephan angeregt. Ich habe Hollein geschätzt. Aber er hat sich mir gegenüber nicht fair verhalten. Er hat als langjähriger Kommissär des österreichischen Pavillons verhindert, dass ich zur Biennale Venedig komme.

Das hat Dich getroffen?

Ich habe in Italien so viele Freunde und Sammler. Es wäre eine Genugtuung gewesen, auf der Biennale ausstellen zu dürfen. Das haben nicht meine Feinde verhindert, sondern meine Kollegen. Das ist das österreichische Kunstintrigantentum. Reden wir lieber von dieser Ausstellung!

Gleich beim Eingang hängt das neun Meter lange „Blutorgelbild“, entstanden bei der 7. Malaktion. Ich habe es noch nie in einer Ausstellung gesehen.

Wir haben es uns aus  Leipzig ausgeborgt. Wäre ich die Galerie für Zeitgenössische Kunst, ich würde das Bild nicht mehr herleihen. Durch den Transport wird es ja nicht besser.  Aber für uns ist es gut, dass wir es haben. Ich hab’ das Bild sehr gerne.

Der erste große Saal ist streng nach Großformaten in kräftigen Farben geordnet: vier rote Bodenschüttbilder, an der Stirnseite ein gelber und an den anderen drei Seiten ein schwarzer Zyklus. Das erinnert an die Situation bei Dir auf dem Schüttboden im Schloss Prinzendorf.

Richtig. Diesen schwarzen Zyklus hat Karlheinz Essl erworben. Er nahm genau die nördliche Längswand in meinem Atelier ein.

Wird es hier in der Ausstellung eine Malaktion geben?

Den schönen Parkettboden antrenzen? Nein.  

Man kann ja Plastikfolie auflegen – wie letztes Jahr für die Uraufführung im Nitsch Museum.

Trotzdem nicht. Aber am 29. Mai wird in den Prunkräumen das 2. Streichquartett von mir uraufgeführt.

Deine Ausstellung „Leben und Werk“ im Nitsch Museum wurde bis 2020 verlängert. Ist Dir nichts Neues eingefallen?

Was Du für einen Blödsinn fragst! Ich plane ja das neue Sechs-Tage-Spiel. Und die Ausstellung hat Michael Karrer viel Arbeit gemacht. Daher läuft sie länger – und wir bringen mehrere performative Veranstaltungen. Zu Pfingsten gibt es ein Konzert mit einem Lautsprecherorchester. Toll! Ich habe meine Musik noch nie so analytisch und so abgründig gehört.

Das Sechs-Tage-Spiel kommt?

Wir planen 2021.

Derzeit läuft auch eine Ausstellung im Palazzo Ducale von Mantua – und es gibt wieder große Aufregung um den Nitsch.

Die Tierschützer drohen riesige Protestaktionen an, dann kommen zehn Manderln. Wurscht, wo ich eine Ausstellung mach’, die Gfraster sind da. Nicht nur in Italien, auch in Deutschland und Australien. Und ich wiederhole immer wie ein Werklmann: Wer mich kennt, weiß, dass ich die Tiere liebe. Dass ich fast alle Tiere, die bei Aktionen eingesetzt wurden, geschlachtet gekauft habe. Die Gesellschaft hat sie für den Nahrungsmittelgebrauch umgebracht. Die Tierschützer, auf deren Seite ich stehe, kämpfen an der falschen Front: Warum protestieren sie nicht bei den Tierfabriken? Oder bei diesen Marter-Anstalten, wo Tiere schamlos gequält werden? Aber den Nitsch suchen sie sich als Zielscheibe aus!  

Ich danke Dir für das Gespräch.

Schreib nicht wieder so was Kritisches wie zuletzt!

Ein bisschen Kritik verträgt wohl auch der Nitsch.

Ich vertrage Bewunderung viel besser! (Er grinst.)