Hermann Leopoldi: Ein unverbesserli­cher Optimist

Hermann Leopoldi, Buchcover
Foto: Wienbibliothek, Mandelbaum Verlag Im Bild links: Mit Söhnchen Ronald, 1955. Hermann Leopoldi war damals 67. Rechts: Buchcover der Biografie von Georg Traska und Christoph Lind: "Hermann Leopoldi Hersch Kohn"

Er saß am Klavier und sang. Unter Dollfuß, in Buchenwald, in New York und ab 1947 wieder in Wien. Ihm nahezukommen ist nicht einfach.

Eine Träne fehlt. Denn er war in Dachau und in Buchenwald, gemeinsam mit seinem Liedtexter Fritz Löhner-Beda und Fritz Grünbaum; die beiden überlebten nicht. Hermann Leopoldi wurde von Frau und Schwiegereltern freigekauft und durfte nach New York. Den Bruder konnte er vor der Gestapo nicht retten. Ein Schrei fehlt. Er kehrte nach dem Krieg heim und ließ sich dort, wo er als Jude in den Viehwaggon Richtung KZ gesteckt wurde, als "typischen Wiener" feiern...

Dieser Tage erscheint seine Biografie. Sie trägt den richtigen Namen und den Künstlernamen im Titel: "Hermann Leopoldi Hersch Kohn". Sohn Ronald (die Mutter war Leopoldis Gesangspartnerin Helly Möslein) hatte den Nachlass der Wienbibliothek im Rathaus geschenkt, und dort haben der Kunsthistoriker Georg Traska und der Historiker Christoph Lind jahrelang gesucht: den Klavierhumoristen, den haben sie sofort gefunden. Eine großartige CD mit seltenen Aufnahmen liegt dem Buch bei. André Heller nannte Leopoldi kürzlich den "Wiener Fats Waller". Der Mensch aber ließ sich viel schwieriger fassen: Er war extrem schreibfaul. Es gibt kaum Briefe von ihm. Die Biografie bewegt sich deshalb entlang der Lieder, die er komponiert und am Klavier vortragen hat.

KURIER: Wo ist die Träne? Nicht einmal in Ihrem Buch ist sie zu finden.

Georg Traska: Hermann Leopoldi hat sie geschluckt. Er war, wie er gesungen hat, ein "unverbesserlicher Optimist". Man muss seine Memoiren zwischen den Zeilen lesen und auf die Pausen achten, um schmerzvolle Momente zu spüren.

Die Memoiren, kurz nach dem Krieg entstanden, sind nie gedruckt worden. Was schrieb er denn übers KZ?

Selbst da hebt er die wenigen Momente menschlichen Verhaltens vonseiten der Wachmannschaften hervor und ist äußerst sparsam hinsichtlich der Gräuel, die er erlebte. Doch ist es ihm auch dort tatsächlich gelungen, seine Kameraden zu unterhalten und aufzuheitern. Komik und Humor waren noch im KZ sehr gefragt – vielleicht waren sie dort sogar noch ein weit teureres Kulturgut als unter zivilisierten Lebensverhältnissen!

Und nach dem Krieg hat er geschwiegen.

Er teilte dieses Schweigen mit fast allen Holocaust-Überlebenden und jüdischen Remigranten bis weit in die 1970er- und 80er-Jahre. Dieses Schweigen – und damit auch ein Hinunterwürgen der Tränen, die Sie vermissen – ist immer noch schwer zu begreifen. Es war ein seltsames Gemisch aus ganz verschiedenen Motiven: Traumatisierung; eine Angst, das Zusammenleben in der österreichischen Gesellschaft und mit all den darin unbehelligt gebliebenen ehemaligen Nationalsozialisten und der Heerschar der Mitläufer zu gefährden; und dann gab es auch die "Schuldgefühle der Überlebenden", das "Warum ich und nicht die anderen".

Zuerst stand er dem "Roten Wien" nah, dann ließ er sich in die Propaganda des Ständestaates einspannen: War Hermann Leopoldi ein Opportunist?

Er war ein echter Populärmusiker, der sich gerne an ein Massenpublikum wendete. Er war also gewiss kein politisch strenger und kritischer Avantgardist. Allerdings sollte man mit dem Begriff Opportunist vorsichtig sein. Für die Juden, die nach 1933 blieben, war der Ständestaat schlicht eine Lebensversicherung gegenüber dem NS-System. Und wenn Leopoldi in Buchenwald sang, dann lag darin wahrlich kein Fünkchen Opportunismus. Die Auftritte waren gefährlich. Der Buchenwälder Marsch, den Leopoldi gemeinsam mit Fritz Löhner-Beda schuf, entstand zwar aufgrund eines von Lagerführer Arthur Rödl ausgesetzten Wettbewerbes für ein Lagerlied.

Zitat: "Wir wollen trotzdem Ja zum Leben sagen, denn einmal kommt der Tag, da sind wir frei ...

Das war in seiner Ambivalenz so gewagt, dass auch hier jeder Kollaborationsvorwurf absurd wäre und auch nach 1945 niemals geäußert wurde. Im Gegenteil, dieser Marsch wurde von den KZ-Häftlingen als revolutionäres Freiheitslied verstanden.

Veranstaltungen rund um Hermann Leopoldi

19. März um 19:30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung: "Die Drei Wien des Hermann Leopoldi" Ort: Wappensaal Rathaus/Ausstellungskabinett Wienbibliothek. Gesang: Cornelius Obonya und Bela Koreny. Bis 4. Oktober.

19. April, ab 18:30 Uhr: Eröffnung des Wienerlied Festivals "wean hean 2012" und Vorstellung des Buchs "Hermann Leopoldi Hersch Kohn. Eine Biografie" von Traska und Lind. Ort: Jüdisches Museum,

24. April, 19:00 Uhr: Buchpräsentation "Hermann Leopoldi Hersch Kohn. Eine Biografie" mit den Autoren sowie Leopoldis Sohn Ronald. Ort: Wienbibliothek im Rathaus, Lesesaal, Eingang Lichtenfelsgasse 2.

26. April, 19:30: Hermann Leopoldi: Wien–Buchenwald–Wien. "Sagen’s Herr Kohn, wann kommen’s z’rück?" Mit Andrea Eckert, Cornelius Obonya, Heinz Zednik, Ernst Stankovski. Ort: Wiener Konzerthaus.

(kurier) Erstellt am
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