„Alles, was langweilig ist, ist für mich als Künstler der Tod.“
Herbert Lippert ist einer der wichtigsten Tenöre, nicht nur Österreichs, sondern weit darüber hinaus, der im lyrischen Fach (etwa mit seinen Mozart-Rollen), aber auch im heldischen (in Wagner-Opern als Lohengrin, Siegmund, Stolzing etc.) für Begeisterung sorgte.
Der einstige Wiener Sängerknabe, der später Musikpädagogik studierte, dann alternierend mit Jonas Kaufmann bei dessen Anfängen als Tamino auf der Bühne des Züricher Opernhauses stand, gewann 1997 sogar einen Grammy – als David in der „Meistersinger von Nürnberg“-Einspielung unter Dirigent Sir Georg Solti. Nebenbei, aber genauso ernsthaft, war er eine Zeit lang auch einer der weltbesten Operettensänger – und ist es nach wie vor, wenn er sich diesem Fach widmet.
Herbert Lippert ist aber nicht minder faszinierend in seiner Tätigkeit als bildender Künstler, was Klaus Albrecht Schröder, den ehemaligen Direktor der Albertina, zu der Aussage verleitete, er, Lippert, sei eine der „großen Doppelbegabungen des 20. Jahrhunderts“: als einer der „allergrößten Sänger“ und „spannenden Maler“. Ein Adelsschlag.
Zwei Genres, zwei Stile
Besuch bei Lippert im niederösterreichischen Kottingbrunn, wo er nicht nur wohnt, sondern auch sein Atelier hat, in dem er fast täglich viele Stunden verbringt. An der Wand hängen Porträts von großen Musikern (Johann Strauss, Friedrich Gulda, Riccardo Muti etc.), die er gemalt hat, dazu Bäume, Wälder, Figuratives und Abstraktes.
„Ich male in zwei Stilen“, erzählt der Künstler in seinem einst bestimmt weißen Mantel, den er über seine elegante Kleidung gestreift hat und der seit Jahren nicht gewaschen wurde, wie ein farbgewordenes Dokument seiner Malerei. „Postimpressionistisch und abstrakt. Diese beiden Stile versuche ich in Harmonie zu bringen.“
Ausstellungen
Es gelingt. Das Interesse an seiner Kunst wächst und wächst. Zuletzt hatte er eine Ausstellung in der Galerie Suppan Fine Arts in Wien. Von 15. bis 30. August gibt es eine Schau im Südbahnhotel am Semmering, eingerahmt von Konzerten im historischen Speisesaal, bei denen Lippert u. a. Lieder von Rainer Bischof aus dem Zyklus „Ist die Hoffnung die Schwester der Angst“ nach Gedichten von Franka Lechner singt. Danach folgt Raiding, auch große Museen sind immer mehr interessiert.
„Das alles macht mir riesige Freude“, sagt Lippert, der über Jahre hinweg immer wieder von einer Kamera begleitet wurde – für eine ORF-Dokumentation, die im kommenden Jahr anlässlich seines 70. Geburtstages ausgestrahlt wird. Da kommt nicht nur Schröder zu Wort, da sprechen auch Dirigenten wie Riccardo Muti oder Nikolaus Harnoncourt, mit denen er intensiv zusammengearbeitet hat, euphorisch über ihn.
30.000 bis 40.000 Euro kosten mittlerweile seine großen Gemälde. „Ich bin da richtig beschämt.“ Grundsätzlich sagt er über den Kunstmarkt: „Das ist der mafiöseste, den es gibt.“ Dabei hat er auch durchaus viel Erfahrung mit der klassischen Musik.
Das Studium
Malerei studiert hat Lippert bei Adolf Frohner, und alte Bilder belegen, wie gut er dabei war. Mittlerweile hat er längst die Pinsel weggeworfen und malt ausschließlich mit der Spachtel. „Ich bin beim Malen total impulsiv. Das muss ruckzuck gehen. Ein Pinsel ist ein Ausdruck eines langweiligen Prozedere“, sagt er. „Und alles, was langweilig ist, ist für mich als Künstler der Tod.“ Für ein Porträt von Johann Strauss hat er 23 Minuten und 54 Sekunden gebraucht, der Malprozess ist auf Kamera festgehalten, die Zeit wurde gestoppt.
„Warum soll ich das nicht erzählen?“, fragt er seine Frau Gabriele, die gerade das Atelier betritt. „Ich geniere mich nicht dafür, dass ich manchmal ein Schnellmaler bin. Das entspricht meinem Wesen.“
Dass Rot seine Lieblingsfarbe ist, passt auch zu seiner Impulsivität als Maler. „Diese Signalfarbe ist mir ganz wichtig. Es ist meine Farbe, mit der ich mich identifiziere.“
Dass er während seiner Gesangskarriere durchgehend als Künstler tätig war, wissen wohl die wenigsten. „Am Anfang waren es hunderte Aquarelle, die ich auch während meiner Gastspiele gemalt habe. Florenz, London von oben. Dinge, die ich aus meinem Hotelzimmer gesehen habe.“ Aber warum? Ist die Musik als Genre nicht genug?
Der Druck
„Ich habe einen Ausgleich gebraucht“, sagt er. „Als Sänger steht man unglaublich unter Druck. Nach den Proben musste dieser Druck irgendwie raus. Und mit dem Malen ist es mir gelungen, aus dieser Maschinerie auszubrechen.“
Heute steht die Malerei ganz klar im Zentrum seines kreativen Daseins, gesungen wird nur noch, was ihm Freude macht. Zum Beispiel eben Liederzyklen, die Rainer Bischof für ihn komponiert. Oder solche von Johannes Maria Staud. Oder auch seine Programme mit dem Pianisten Eduard Kutrowatz.
Wenn jemand, wie Lippert, derart leidenschaftlich zwei Kunstfächer miteinander verbindet, ist es fast naheliegend, dass es sich um einen Synästhetiker handelt, der Töne auch als Farben wahrnimmt. Welche Farbe hat etwa „Don Giovanni“? „Dunkles Violett.“ Und welche haben die „Meistersinger“? „Alle erdenklichen Grüntöne.“ Und welche Farbe hat sein Tenor? „Eine silberne.“ Damit hat er definitiv recht.
Der Respekt
Die Idee, als Maler einmal ein Bühnenbild zu gestalten, fände er spannend, traut sich aber nicht drüber. „Ich stehe, inklusive meiner Zeit als Sängerknabe, seit 60 Jahren auf der Bühne. Ich habe viel zu großen Respekt vor der anderen Seite.“
Das Opernfach liebt er nach wie vor, an der Operette vor allem die Musik – an ihre szenische Zukunft glaubt er nicht. „Vor 150 Jahren war die Operette mit ihren zeitkritischen Ansätzen, mit ihrer Kritik an der Politik wichtig. Heute ist sie nicht mehr das Medium für Kritik. Und fast jeder Versuch der Aktualisierung geht schief.“
Dabei gäbe es eine Sehnsucht nach Emotionalität und Schönheit gerade heute besonders. Er selbst findet sie in der Malerei.
Kommentare