Kultur
14.05.2017

Helene Fischer: Der Eine-Frau-Song-Contest

Lange mussten die Fans auf das heuer wichtigste deutschsprachige Pop-Album warten.

Nein, Sie haben sich nicht verlesen. Helene Fischer ist die wichtigste deutsche Popsängerin, aus dem für immer verkehrt (EINSzweiDREIvier) mitklatschenden Schlagerbiotop ist sie emporgeschossen in fremde Galaxien, die noch nie zuvor ein Schlagersänger betreten hatte. Die so sympathische wie ungreifbare Frontfrau der neuen Einfachheit wurde das Gesicht der Hitparade. Wie konnte das passieren?

Pop hat sich aus vielerlei Gründen dem Schlager unterworfen. Schwer wiegt der Druck einer immer komplizierteren Welt, und so wurde Schlager der neue Punk für die verunsicherte Mittelschicht: Eure komplexe Welt könnt ihr behalten, wir reiten atemlos durch die Nacht. Es mischte sich also, was einander früher misstrauisch beäugt hat, wie der Volksbegriff und der Rock’n’Roll, zu einem neuen Selbstbewusstsein: Musik ist all das, was wir hören. Und wir hören Fischer.

Trotz medialer Dauerpräsenz und ungebrochenen Erfolgs musste man aber lange, lange warten, bis nun endlich der Nachfolger von "Farbenspiel" (2013) erschien. Er heißt "Helene Fischer" (Helene Fischer wiederum heißt eigentlich Elena Petrovna Fischer, und es ist schade um diesen wohlklingenden Namen). Und das Album ist abseits des Musikalischen von immenser Bedeutung, die sich vor allem monetär bemessen lässt: Immerhin ist das Album Vorlage für eine spektakuläre Tournee-Ernte, die Fischer 2018 einfährt, mit fünf aufeinanderfolgenden Shows in der Wiener Stadthalle (13.–18. Februar) und einem Stadionkonzert (11. Juli) als Zugabe. Derart große Summen am Horizont sind der Kunst keine Hilfe; und man liest, dass die Entstehung des Albums dementsprechend schwierig war.

Wirklich alles

Das Ergebnis könnte nicht spannender sein – und gespaltener.

Schlager ist die hohe Kunst, es so vielen Menschen wie möglich recht zu machen. Fischer treibt dies auf die Spitze, sie bietet ein musikalisches Spektrum, das es sonst nur beim Song Contest gibt. Vom Sangriakübel-Strandschlager bis zum hochkünstlichen elektronischen Dub-Step-Gebrumme (ja, wirklich), von streng nach Vorschrift abgespulten Herzschmerz-Balladen bis zum lupenreinen Pophit, der sich international nicht verstecken muss: Auf "Helene Fischer" ist alles drauf. Es ist, so rühmt sich die Plattenfirma, Fischers persönlichstes Album, das hinterlässt aber ein wenig ratlos: So richtig will das Kennenlernen der Ungreifbaren nicht gelingen.

Sie ist selbstbewusste Frau, die in homöopathischen Dosen sogar politisch wird; sie zieht den Horizont weit hinaus in die Welt. Dann aber feiert sie wieder die Schwäche-, ja Verzweiflungsposition, aus der zu vieles im Schlager geboren wird: Man kann diese Welt nur in eng umschlungener Zweisamkeit ertragen ("Wir können so viel sein, aber niemals allein"); und fehlt dieser Rückhalt, muss man sich vom sofort hereinbrechenden existenziellen Nichts durch brutale Unterhaltungsseligkeit ablenken: "Wir wollen das volle Programm, um nicht zu vergessen: Hier wird gelebt." Wer sagt das eigentlich? Egal. Auf "Helene Fischer" findet jeder etwas – und das ganz ohne dass das Leben komplizierter würde.