© Wienbibliothek im Rathaus

Literatur
06/06/2021

H.C. Artmann, 100: „kauf dir ein tintenfass“

Erinnerungen an einen Dichter, der seine Gedichte nicht wichtiger nahm als das Abenteuer, im Garten einen Strauch zu pflanzen

von Peter Pisa

So kann man beginnen:

assegor thibeta et dü

azimount..

vendigot ül iblout et

’l ab ab ..

Franz Vranitzky hat ihn einen Forschungsreisenden in Sachen Sprache genannt, und vielleicht drängt ja diese Lautmalerei aus dem Jahr 1969 an den Anfang, damit man H. C. Artmann nicht ausschließlich wegen seiner berühmten Wiener Dialektgedichte „med ana schwoazzn dintn“ feiert:

noch ana sindflud

sama r ole medaranaund

saumt de hextn beag

dasoffm ...

Mit den höchsten Bergen ersaufen wir miteinander.

Mit Schürze

Vielleicht ist es besser, mit einer Geschichte zu beginnen, die Artmanns Freund und Reisegefährte, der Schriftsteller Peter Rosei, an den KURIER weitergibt:

„Im Salzburger Moos, wo HC samt family seinerzeit ein alleinstehendes, kleines Haus bewohnte, komme ich eines Tages im Frühjahr gerade dazu, wie er einen Hartriegelstrauch vor dem Haus einpflanzt. Der Abend sinkt bereits, HC steht mit vorgebundener Schürze da, auf die Schaufel gestützt: ‚Man kommt direkt ins Schrebergarteln hinein‘, meint er versonnen, ehe wir uns an den Tisch an der Hausmauer setzen und das gärtnerische Ereignis mit etlichen Gläsern – hier passt die Metapher ganz wunderbar – fröhlich begießen.“

Melodien

Nicht der Rede wert? Großer Irrtum. Da steht, dass sich Hans Carl Artmann nicht als Dichter fühlte.

Sondern als Abenteurer – egal ob er arabische, keltische oder huzulische Sprachmelodien lernte, ob er mit dem Motorrad in Amerika unterwegs war oder eine Pflanze in die Erde steckte.

„ich bin abenteurer und nicht dichter“ heißt folglich auch das Buch aus Gesprächen, die ORF-Journalist Kurt Hofmann mit ihm geführt hat; erschienen im Amalthea Verlag (25 Euro).

Wadlbeißer

Aber beginnen wir Bradnseerisch: In Breitensee (damals 13. Wiener Bezirk) wuchs er, am 12. Juni vor 100 Jahren geboren, als Schuhmachersohn auf. Er machte eine Lehre. Schuhmacher.

Man zog ihn ein, die Russen schossen ihm 1945 ins Bein, er zog den Kürzeren, als er betrunken auf Polizisten einschlug, es zog ihn immer öfter zu den Wörtern, er zog nach Schweden, Lappland, Frankreich, Berlin, das kann man alles googeln.

Bekam er einen Literaturpreis, bedeutete es frisches Geld für die nächste Reise. Letztlich zog es ihn nach fünf Kindern mit fünf Frauen zu den – so sah er’s – Wadlbeißern heim nach Wien.

Passt hervorragend, dass Humanic jetzt die alte TV-Werbung hervorholt. H. C. Artmann ist mit drei Zeilen zu hören, die er auf der Fahrt ins Aufnahmestudio auf einen Zettel kritzelte:

bei de japana

drongs papiarene schtifö

des hat daun: gedicht

Jörg Haider

Sein Sektkübel aus Plastik ist wahrscheinlich der bessere Anfang. Er beweist, was wirklich zählte.

Gerhard Ruiss, kürzlich für seine Lyrik mit dem H.-C.-Artmann-Preis der Stadt Wien ausgezeichnet, hat den Original-Sektkübel in seiner Wohnung aufbewahrt.

Er erinnert sich:

„Im Sommer 1995 verunglimpfte Jörg Haider Artmann als Sozialschmarotzer, der sein Geld beim Branntweiner gelassen hatte. Es kam zu Solidaritätserklärungen und einer großen Festveranstaltung, und dort machte Artmann, was er häufig machte, er ließ jüngere Kollegen hochleben, indem er den Artmann’schen ‚Vagantenpreis‘ verlieh – per Ziehung aus dem Kübel.“

Er zog damals Stefanie Holzer, in Innsbruck lebende Romanschriftstellerin und Kolumnistin der Wiener Zeitung.

In Zukunft

Ein Achselzucken für Haider, aber echtes Interesse für Nachwuchsförderung. Einige Debütanten hielt er für die besseren Wortkünstler.

H. C. Artmann fand sich nicht so wichtig. Im Sektkübel waren auch Zettel mit Namen anderer geschätzter Kollegen – Haderlap, Röggla, Hochgatterer ... Jedenfalls nahm er sich weniger wichtig als manche, die jetzt rufen: Ich habe ihn gekannt!

Das ist mehr, als er über sich selbst sagte. In „Nachrichten aus Nord und Süd“ – im Antiquariat ab 47 CENT! – steht: „Bitte bitte sagt mir doch, wer ich bin, damit ich mich wenigstens in Zukunft danach richten kann.“

Auch das hätte ein Anfang sein können: Was er war. Was er ist. Was er bleibt.

Stricken

Die Kuratoren der Ausstellung in der Wienbibliothek – Bericht rechts – erkennen nicht nur den Sprachmagier, auch den Verwandlungskünstler, den Lehrer, Avantgardisten, den polyglotten Übersetzer (u. a. holte er Asterix ins Wienerische, „Da Legionää“).

Elfriede Jelinek hat er erklärt: „Ich stricke mit Worten. Was herauskommt, ist Zufall.“

lerne was,

so hast du was

kauf dir drum

ein tintenfass ...

Funkenflug

„Er war ein altersloser Dichter“, hieß es in der Rede, die Klaus Reichert, jahrelang Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, in der Simmeringer Verbrennungshalle hielt.

Ein altersloser Dichter, „dessen Zeit immer gekommen war. Jede Generation, bis herab zur Jüngsten, konnte mit ihm, durch ihn, den Funken der Dichtung neu entfachen.“

Kurz vor seinem Tod im Dezember 2000 wollte der 79-Jährige gegen die schwarz-blaue Koalition auf die Straße. Er wog kaum noch 50 Kilo.

Zu Freunden sagte er, und das war bei Friederike Mayröcker ( 4.Juni) nicht anders: „Ich möchte noch so viel machen.“

Man sollte immer neu beginnen können.

 

Grüße vom Ende der Welt landen im Rathaus

Wienbibliothek. „Warum ich so viel reise?“ H. C. Artmann hat  den Zusammenhang  zu seiner Zeit als Soldat  hergestellt: Der Zweite Weltkrieg habe ihn „in absonderliche regionen“ geschickt, die er sich „auf keinem atlas erträumt hatte – von einem ort zum andren ort und so fort und so fort ... und das kann ich mir anscheinend nicht mehr abgewöhnen.“
Sohn Patrick charakterisierte seinen Vater in einem Interview 1977 als  „ewigen Reisenden“.

Die Ausstellung in der Wienbibliothek im Rathaus  (Eingang Bartensteingasse 9, Loos-Räume) zum Anlass des 100. Geburtstags von H. C. Artmann hat den Titel „Recht herzliche Grüße vom Ende der Welt“.
Die Kuratoren  Marcel Atze und Gerhard Hubmann erklären:
Das ist ein Zitat von einer Postkarte Artmanns an den Dramatiker Fritz Hochwälder, Westbahnstraße 3. Das Bild vom „Ende der Welt“ gibt den Assoziationsraum vor.
Zum KURIER: „Es geht ums Reisen im eigentlichen und literarischen Sinn, um Rückzugs- und Zufluchtsorte bis hin zu Vorstellungen des geografischen Weltendes und des Weltuntergangs.“
Die Bibliothek ist reich an Exponaten: 2004 erwarb sie den Nachlass  – 13 Archivboxen und Mappen mit Werken, Karten, Briefen, drei Schreibmaschinen – und Spazierstock.
Die Ausstellung wird Mittwoch, 9. Juni 2021, um 18.30 Uhr eröffnet. Erwin Steinhauer liest H. C. Artmann. Im Internet wird von der Wienbibliothek live gestreamt.

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