Kultur
13.02.2018

Hans-Peter Wipplinger: "Streitkultur ist grundsätzlich positiv"

Der Direktor des Leopold Museums über Agnes Husslein-Arco und die Schau "Wow!", mit der erstmals die Sammlung von Heidi Horten präsentiert wird.

KURIER: Das Leopold Museum präsentiert ab 15. Februar die bisher unbekannte "Heidi Horten Collection". Warum?

Hans-Peter Wipplinger: Heidi Goëss-Horten hat in den letzten 30 Jahren eine herausragende Sammlung zusammengestellt – mit Werken von der letzten Jahrhundertwende bis heute, darunter die "Kirche in Unterach am Attersee" von Gustav Klimt und außergewöhnliche Arbeiten auf Papier von Egon Schiele, von denen man lange nicht wusste, wer sie besitzt. Als ich zum ersten Mal einen Einblick in die Sammlung bekam, stellte sich bei mir ein Wow-Effekt ein. Mit Exponaten von Marc Chagall, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Edvard Munch, Francis Bacon, Lucio Fontana, Damien Hirst, Robert Rauschenberg, Gerhard Richter, Andy Warhol und vielen anderen ist die Ausstellung tatsächlich eine Tour de Force durch die Kunstgeschichte der letzten 100 Jahre. Sie wird viel Staunen erregen.

Deswegen der Titel "Wow!"?

Ja, er kommt allerdings nicht von mir, sondern von Agnes Husslein-Arco. Sie hat die Ausstellung kuratiert.

Husslein hat einst, als Mitarbeiterin von Sotheby’s, Heidi Horten Kunst verkauft, sie hat sie beraten, nun zeigt sie die Sammlung – just im Museum der Stiftung Leopold, in dessen Vorstand sie sitzt. Ist die Vielfachfunktion nicht sonderbar?

Es besteht eine jahrzehntelange Freundschaft zwischen den Damen. Dagegen ist nichts zu sagen. Dass die Ausstellung hier stattfindet, gründet auf mein Werben. Ich wusste, dass Agnes Husslein die Ausstellung für das Belvedere geplant hatte. Aber dann kam es eben anders.

Husslein wurden 2016 Verstöße gegen die Compliance-Richtlinien vorgeworfen. Thomas Drozda, damals Kulturminister, verlängerte daher nicht ihren Vertrag als Belvedere-Chefin, sondern bestellte Stella Rollig.

Und so habe ich Husslein unser Haus schmackhaft gemacht. Auch deshalb, weil es wunderbare Anknüpfungspunkte zur Sammlung von Rudolf Leopold gibt – mit Werken von Klimt, Schiele und auch Alfred Kubin, von dem Heidi Horten drei geniale Blätter besitzt.

Sie finden auch nichts dabei, dass ein Mitglied des Vorstands eine Ausstellung macht?

Das hat schon fast Tradition: Nicht nur Rudolf Leopold, sondern auch andere Mitglieder des Vorstandes haben Ausstellungen kuratiert, darunter Ehefrau Elisabeth Leopold sowie Sohn Diethard Leopold und Carl Aigner, langjähriger Direktor des Landesmuseums Niederösterreich. Letztlich geht es doch darum: Was nutzt dem Haus? Und wenn es in der Person von Agnes Husslein nicht nur eine riesige Leidenschaft für die Kunst, sondern auch ein großes Know-how gibt: Dann kann es nur von Vorteil sein, wenn man darauf zurückgreift. Es gibt daher auch den einstimmigen Beschluss, dass die Ausstellung, kuratiert von Agnes Husslein, hier stattfindet.

Elisabeth Leopold soll mit dem Projekt aber nicht so glücklich gewesen sein.

Im Gegenteil, sie war begeistert von der Qualität der Werke und anerkennt, dass die Ausstellung ein großes Interesse hervorrufen wird.

Man hört von Debatten.

Manchmal ist die Frau Doktor eine ausgezeichnete Mitstreiterin, manchmal ist sie anderer Meinung, manchmal gibt sie mir wertvolle Tipps, und manchmal gibt es eben keinen Konsens im Stiftungsvorstand. Streitkultur ist grundsätzlich positiv.

Über der Schau liegt jedoch ein dunkler Schatten. Denn Heidi Hortens erster Mann, der Unternehmer Helmut Horten, war ein Ariseur. Und da Geld kein Mascherl hat, könnte man behaupten, dass die Sammlung ein Ergebnis auch der in der NS-Zeit erzielten Profite ist.

Ich will die Geschichte keinesfalls beschönigen. Helmut Horten war durchaus ein Profiteur und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg darob in einem britischen Internierungslager festgehalten. Nach 1948 fing er von Neuem an. Er erwarb Kaufhäuser von jüdischen Familien, die in die USA emigrieren mussten. Das kann man moralisch bedenklich finden. Aber nicht der Kunst, die wir zeigen, anlasten.

In sozialen Medien wurde kritisiert, dass Agnes Husslein mit ÖVP-Hilfe im Leopold Museum ein Betätigungsfeld gefunden hat. Ist das nicht problematisch?

Nein. Die Staatsanwaltschaft hat die Untersuchungen eingestellt. Und ich muss, nein, ich möchte Agnes Husslein Rosen streuen. Weil sie sich als Stiftungsvorstand unglaublich für die Interessen des Hauses einsetzt. Sie verfügt über ein riesiges internationales Netzwerk, sie macht weltweit Werbung für das Museum – und sie gewinnt laufend neue Mitglieder für den Circle of Patrons. Dass sich Vorstände ganz einbringen: So soll es doch sein!

Im Erdgeschoß hängt eine neue Dauerleihgabe, ein sitzender Männerakt von Klimt. Das Gemälde befand sich zuvor im Belvedere. Wie kam es zum Ortswechsel? Durch Husslein?

Ich möchte grundsätzlich antworten: Sammler geben ihre Leihgaben an Institutionen, die ihnen seriös erscheinen. Es braucht eine Vertrauensbasis zwischen Leihgeber und Direktion. Wir vermitteln den Sammlern, dass wir ihre Werke gut präsentieren. Letztendlich ist es aber immer auch eine persönliche Angelegenheit. Und Agnes Husslein kümmert sich intensiv um die Sammler. Wenn sie uns vermehrt ihre Werke anvertrauen, bin ich glücklich. Demnächst werden Sie auch die "Schönbrunner Landschaft" bei uns sehen. Es gelang mir, dieses wichtige Gemälde, das einzige Wien-Motiv von Gustav Klimt, als Dauerleihgabe in unser Haus zu holen.

Die "Horten Collection" von der klassischen Moderne über die Pop Art bis zur Gegenwart würde eigentlich viel besser ins Museum moderner Kunst passen. Ist "Wow!" daher auch so etwas wie eine Kriegserklärung?

Nein. Die Domäne des Leopold Museums sind Jugendstil und Expressionismus. So gesehen, gehört die Horten Collection eindeutig hierher. Ich bin vor zweieinhalb Jahren angetreten, um spektakuläre, wissenschaftlich gut aufbereitete Ausstellungen zu realisieren. Man wusste und weiß, dass ich gerne über die Epochen hinweg denke und Dialoge herstelle – zum Beispiel zwischen Carl Spitzweg und Erwin Wurm. Ab 3. März zeigen wir drei Generationen obsessiver Zeichner in einer Schau: Egon Schiele, Günter Brus und Thomas Palme. Der Einfluss von Schiele auf Brus ist unübersehbar; und Palme lässt sich von Schiele und Brus inspirieren. Wir bleiben zudem bei unserer Kernkompetenz, bringen heuer u.a. Anton Romako, Moriz Nähr oder Madame d’Ora. Aber die Exkurse in die zeitgenössische Kunst dürfen nicht fehlen!

Der Erfolg scheint Sie zu bestätigen: 380.597 Besucher im Jahr 2017 sind ein neuer Rekord.

Das freut mich natürlich. Und beweist uns, dass wir auch schwierigere Themen bringen können.

Wie zum Beispiel?

Letztes Jahr stellten wir Victor Hugo als Künstler vor. Heuer folgt Zoran Mušic. Unter dem Titel "Poesie der Stille" präsentieren wir ab Mitte April sein gesamtes Schaffen, darunter viele Werke aus dem Nachlass, die wir direkt aus seinem Atelier in Venedig bekommen haben. Mušic wurde noch in der Monarchie, 1909 in der Nähe von Görz, geboren; als Student ließ er sich in Wien von Klimt und Schiele inspirieren. Es gibt also einen Konnex. Aber ich sehe die Retrospektive auch als Beitrag zum Gedenkjahr 1938. Denn er wurde Ende 1944 ins Konzentrationslager Dachau verschleppt – und wir zeigen die Zeichnungen, die dort entstanden sind. Danach wollte er den Horror vergessen. Erst in den 70er-Jahren hat er sich wieder mit Dachau beschäftigt. Mit der Serie "Wir sind nicht die Letzten" ist es Mušic gelungen, den Schrecken des Holocausts künstlerisch zu fassen. Eine solches Gedenken finde ich viel wichtiger als die x-te Ausstellung von einem Starkünstler.

Stichwort NS-Zeit: Wie geht es mit der Provenienzforschung?

Wir haben einen möglichen neuen Fall entdeckt, es geht um fünf Werke. Ich habe die Angelegenheit bereits mit der Israelitischen Kultusgemeinde besprochen. Vor dem Ende der Untersuchungen möchte ich keine Einzelheiten preisgeben. Sie können aber sicher sein: Wir werden nichts vertuschen.

Rudolf Leopold hat bis zu seinem Tod im Jahr 2010 Kunst gesammelt. Was passiert nun mit der sogenannten "Sammlung II", die gegenwärtig als Leihgabe verwaltet wird?

Wir arbeiten mit ihr andauernd. Es wäre ein riesengroßer Aderlass, wenn die Familie sie abziehen würde. Ich hatte bereits ein Gespräch mit Kulturminister Gernot Blümel; er hat verstanden, dass es wichtig ist, diese Sammlung ans Haus zu binden – auf Basis eines langfristigen Leihvertrags.

Dass der Staat auch die "Sammlung II" erwirbt?

Kann ich mir nicht vorstellen. Denn Leopold hat weiterhin Klimt und Schiele gesammelt. Diese Werke sind unerschwinglich geworden.