Schreiben als „kindlicher Akt, der aus dem stummen Dunkel in eine lebendige, helle Gegenwart führt“

© /Isolde Ohlbaum

Literatur
12/05/2015

Ortheil: Angst, dass das Stumme zurückkehrt

Er war "das Kind, das schrieb". Und er schreibt bis heute.

von Peter Pisa

Wie wäre das, hielten die Menschen den Mund?

Wäre das die Erlösung?

Wie wäre das, wenn die Menschen nur Klavier spielten? Bach. Ausschließlich Bach.

Hanns-Josef Ortheil hörte auf zu reden, als er drei war. Seine Mutter hatte vier Söhne im Krieg und durch Krankheiten verloren und deshalb zu schweigen begonnen. Sie schrieb lieber Zettelchen (vorübergehend).

Als Hanns-Josef, der fünfte Sohn, sieben war und in der Schule logischerweise Probleme hatte, fand er seine Sprache ... er wollte einen Ball, und plötzlich sagte er: "Gib mal her!"

(Das kann man in Ortheils "Die Erfindung des Lebens" aus 2009 nachlesen.)

Aber seine Sprache war fehlerhaft. Er sagte Küken.

Er meinte Reh.

Haschieren

Im Roman "Der Stift und das Papier" erzählt der 64-jährige Kölner, einer der erfolgreichsten Schriftsteller Deutschlands – und Pianist ist er obendrein – , wie es ihm mit Vaters Hilfe gelang, die Wörter in ihm zu befreien.

Sie mussten dringend raus. Das war Ende der 1950er-Jahre. Im Duden gingen Vater und Sohn Begriffe durch und ihre Bedeutung. Was ist "harsch"?

Harsch war eine Antwort im Gemüsegeschäft, als sich Mama wunderte: "Wieso sind die Kirschen so teuer?" – "Wenn ich sie scheißen könnte, wären sie billiger ..."

Vaters tägliche "Schreibwerkstatt" holte aus dem Buben eine verborgenen Schatz hervor. Eine Sucht, die ihn am Leben erhält.

Schreiben aus Angst vor der Rückkehr ins Stumme.

"Mama, haschierst du wieder Grünzeug? Es seufzt, wenn du es haschierst! Lauter seufzt es, wenn du es flambierst. Am besten, du lässt es bleiben und hantierst!"

Seine Freude, mit neu kennengelernten Wörtern zu jonglieren, steckt an. Man reiche mir einen Bleistift!

Ein lieber, kluger Bub scheint Hanns-Josef gewesen zu sein. Und ein dankbarer. Liebe, kluge Eltern hatte er.

Festhalten

Die Erinnerungen an diese "Geburt" funktionieren auch deshalb so gut, weil jeder Zettel vom Vater archiviert worden ist. Ortheil kann viel zitieren. Ein bisschen zu viel.

Zuhören, beobachten, alles festhalten, in Form bringen. Erlebnisse und Dialoge zuerst, dann die Natur, die Musik ... schließlich übergab der Vater seinen Sohn (mit Tränen, weil glücklich) an Ernst Hemingway und dessen klare, einfache Art zu schreiben.

Man fragt sich, wieso man mit dem eigenen Kind so oft Pokemon gespielt hat.

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