Hakenschlagen als große Kunst: Die Welt der Meret Oppenheim

Ein Schwarzweißporträt einer Frau mit Gesichtsbemalung und ein Glas mit einem Fellschwanz daneben.
Das Bank Austria Kunstforum zeigt das faszinierende Lebenswerk einer ewig Unangepassten.

Ich glaube nicht, dass der Fall allzu schlimm liegt“, schrieb der Psychotherapeut C. G. Jung 1935 an den Arzt Erich Oppenheim. Der hatte seine damals 22-jährige Tochter Meret in Jungs Praxis geschickt. „Ich habe den Eindruck“, fuhr Jung fort, „dass der Kampf mit den Realitäten bei der natürlichen Intelligenz ihrer Tochter in wenigen Jahren einen Ernst hervorbringen wird, welcher an eine genügende Anpassung an die Mächte der Wirklichkeit hoffen lässt.“

Der Brief ist (als Faksimile) am Beginn der Meret-Oppenheim-Retrospektive im Wiener Bank Austria Kunstforum zu sehen (bis 14.7.) – der ersten Schau, die hierzulande das vielschichtige Werk der 1985 verstorbenen Schweizerin dokumentiert.

Meret Oppenheim im Kunstforum

Eine ältere Frau hält eine Tasse mit Fell und einen Löffel in den Händen.

Zwei pelzartige Handschuhe mit rot lackierten Holzfingernägeln liegen auf einem weißen Hintergrund.

Ein Glas Bier mit einem Eichhörnchenschwanz dahinter.

Ein Schwarz-Weiß-Porträt einer Frau im Profil, aufgenommen 1933 von Man Ray in Paris.

Ein Röntgenbild eines Schädels mit Ohrringen und Ringen an den Fingern.

Zwei braune, lederne Schnürstiefel stehen einander gegenüber.

Eine Frau mit Farbe an der Hand lehnt an einem großen Rad.

Eine goldene Drahtkonstruktion mit zwei Kugeln, einer Holzkugel und einem orangefarbenen Anhänger mit der Aufschrift „Bäh“.

Ein arrangiertes Stillleben mit einem Brot auf einem Teller, platziert auf einem Schachbrett.

Eine Künstlerin malt in ihrem Atelier auf einer Leinwand.

Das Schwarzweißporträt einer Frau mit Gesichtsbemalung.

Ein surrealistisches Gemälde mit zwei baumartigen, anthropomorphen Figuren vor einer Landschaft.

Abstrakte Malerei mit schwarzen Linien auf gelbem Grund.

Eine Skulptur einer zusammengerollten Schlange auf einem Jutesack.

Ein stilisierte Landschaft mit einem Vogel auf einer Linie zwischen zwei Inseln.

Abstrakte Malerei mit roten, blauen, braunen und schwarzen Formen auf weißem Grund.

Ein blaues Haus mit erleuchteten Fenstern steht am Ufer eines Sees unter einem gelben Himmel.

Ein Gemälde von Joan Miró mit abstrakten Formen und einer Kette.

Ein abstraktes Gemälde mit einem weißen, sternförmigen Objekt und bunten Streifen.

Eine nackte Frau schwebt über einer Landschaft, während ein Wagen mit Rosen und einer Taube durch den Himmel fährt.

Abstrakte Malerei mit geometrischen Formen in Weiß, Blau, Beige und Schwarz.

Illustration eines High Heels mit Fell und einem angedeuteten Fuß.

Eine abstrakte Zeichnung mit einem braunen Baum und einer blauen Pflanze.

Eine abstrakte Darstellung mit organischen Formen und Texturen in Blau und Weiß.

Zwei schwarze, lederne Schnürstiefel mit Absatz stehen auf einem weißen Hintergrund.

Eine Landschaft mit einem See, Bäumen und einem bewölkten Himmel, dargestellt in Pastellfarben.

Ein abstraktes Gemälde mit geometrischen Formen in Braun-, Blau- und Rosatönen.

Abstrakte Komposition mit roten Kreisen, einer horizontalen Linie und einer weißen Form auf blauem Grund.

Schwarzweißporträt einer Frau mit Gesichtsbemalung und Halskette.

Widerborstig

Mit der Hoffnung auf Anpassung, so wird dabei rasch klar, sollte Jung Unrecht behalten: Meret Oppenheim, die schon mit 17 den Beschluss fasste, Künstlerin zu werden und kurz darauf die Schule abbrach, tauchte tief in die am Traum geschulte Welt der Surrealisten ein, ließ sich aber weder von ihnen noch von anderen Stil-Schulen vereinnahmen.

Gerade weil Oppenheim 1936 mit ihrer pelzüberzogenen Teetasse – vom Surrealisten-Papst André Breton als „Frühstück im Pelz“ betitelt – früh eine Ikone der Moderne schuf, fühlte sie sich genötigt, gegen einen „Markenzeichen-Stil“ anzukämpfen. Die männerdominierte Kunstwelt rechnete ihr das prompt als Beliebigkeit an.

Kunstforum-Kuratorin Heike Eipeldauer hat nun einige Themenschwerpunkte festgemacht, durch die sich Oppenheims Werk trotz aller künstlerischer Hakenschläge erschließt: Immer wieder schuf die Künstlerin etwa Selbstporträts – mit einer Röntgenkamera, einem Tattoo-Muster im Gesicht oder verschlüsselt, als angeschwemmter Steinhaufen in Frauengestalt (1935).

Behaarter Schwanz

Das Thema der Erotik findet sich bei Oppenheim mit heiligem Unernst abgehandelt: Statt der vielfach sexuell konnotierten „Pelztasse“, die im New Yorker MoMA lagert, ist als „männliches Pendant“ das Objekt „Eichhörnchen“ von 1969 zu sehen, das den behaarten Schwanz des Nagetiers mit einem Bierkrügel kombiniert.

Die Lehren des C. G. Jung hatten übrigens einen nachhaltigen Effekt auf Oppenheim: Besonders die Idee, dass jede Seele weibliche wie männliche Teile („Animus und Anima“) beinhaltet, zeigte sich in Bildern, Objekten – und in der Selbstinszenierung der Künstlerin.

Für die feministische Kunst war Oppenheim Vorbild, gleichzeitig sträubte sie sich, von der Bewegung vereinnahmt zu werden. Impulsgeberin – Birgit Jürgenssen oder Markus Schinwald fallen als österreichische Echos ein – blieb sie dennoch. Die Retrospektive lässt Oppenheims Geist nun in formidabler Weise aufleben.

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