Kultur
27.05.2017

Hätte er etwas anderes schreiben sollen?

Javier Cercas und sein umständlicher Versuch, jenen Mann zu verstehen, der vortäuschte, ein KZ-Häftling gewesen zu sein.

In Spanien war 2005 bekannt geworden, dass ein Mann aus Barcelona, der über fast drei Jahrzehnte als KZ-Überlebender Vorträge hielt und an Schulen gut vorbereitete Aufklärungsarbeit leistete und Präsident des spanischen Mauthausen-Komitees war ... dass Enric Marco gar nie im KZ Flossenbürg war.

Bei den Deutschen war er, allerdings von Franco geschickt, um Hitlers Facharbeiter beim Schiffsbau zu unterstützen.

Nach Francos Tod hat sich Enric Marco neu erfunden, als Widerstandskämpfer, als Held.

"Der falsche Überlebende" ist der Versuch von Javier Cercas, über einen Lügner zu schreiben, ohne selbst dabei zu lügen. Der bekannte Schriftsteller will verstehen – und sieht die Gefahr, man könnte glauben, er will rechtfertigen, was geschehen ist.

Cercas ist überaus vorsichtig, um bei der Wahrheit zu bleiben; obwohl es mehrere Wahrheiten gibt. Er hatte schwer damit zu kämpfen, ob er sich das Buch zutrauen soll, und davon handeln viele Seiten des Buchs. Zu viele Seiten, sodass irgendwann der Punkt kommt, an dem man schreit: Ja, dann hätt’ er halt was anderes schreiben sollen!

Liebe finden

Der offenkundige Teil des Romans ist die Frage nach dem Warum.

Der andere Teil: Sind wir vielleicht alle Lügner? Wir wollen doch alle geliebt werden, zumindest aber akzeptiert. Wir wollen "jemand" sein, und müssen uns das Leben erträglicher machen.

Warum sich Javier Cercas dafür ausgerechnet Enric Marco ausgesucht hat, hängt wohl damit zusammen, dass sein Roman dadurch lauter wird. Auffälliger...

Denn genügt hätte ein Typ von nebenan, der vielleicht bloß gern behauptet, wenn er in einem chinesischen Lokal sitzt und den Chinesen zuhört, dann verstehe er jedes Wort. So leicht tue er sich bei Fremdsprachen.

Eine harmlose Lebenslüge, um als interessanter Kerl zu gelten.

Oder Louis Begley: Der Amerikaner hat in "Erinnerungen an eine Ehe" (2013) nur eine Witwe bemüht, Lucy, die ihre Ehegeschichte erfindet, um am Leben bleiben zu können.

Begley hat damals im KURIER-Interview gesagt, gerade solche Menschen verdienen unsere ganze Sympathie.

Und Mario Vargas Llosas hat, 2005 auf den "falschen Überlebenden" angesprochen, mutig bemerkt: Dessen Verhalten sei schrecklich – und genial.

Es ist nichts Schlimmes, einem Gauner näherkommen zu wollen.

Indem man Enric Marco etwas näher kennenlernt, lernt man "uns" näher kennen: Denn was ist denn das für eine Gesellschaft, die so spät merkt, dass sie betrogen wird? Will sie’s überhaupt merken? Wahrscheinlich lebt die Lüge heute ganz gut und ungeniert zwischen den Wahrheiten.

Enric Marco lebt angeblich noch. Er ist ein 1921er- Jahrgang und demnach 95 oder 96 Jahre alt.


Javier Cercas:
„Der falsche Überlebende“
Übersetzt von Peter Kultzen.
Verlag S. Fischer.
495 Seiten.
24,70 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern