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Robert Seethaler:
11/02/2012

Gut, dass Freud den Hut vergessen hat

Wien 1938: Der berühmte Professor und der 17-jährige Franzl vom Land reden über Frauen. Ein Roman, der ganz viele Leser verdient.

von Peter Pisa

Bitte nicht stören. Freud biegt gerade von der Währinger Straße in die Berggasse ein. Er hat, als er in der Trafik des einbeinigen Otto Trsnjek 20 Virginias und die Neue Freie Presse kaufte, den Hut vergessen.

"Das war Professor Sigmund Freud", sagt der Trafikant zu seinem Lehrling Franzl.

"Der Deppendoktor?"

Franzl ist 17. Er kommt vom Land, vom Attersee.

Er wird dem 81-Jährigen nachlaufen und ihm den Hut geben; und über die Liebe wird er dann mit ihm reden.

Später auch auf einer Bank im Volksgarten, während sich vor ihnen ein Pestvogel im Kies wälzt. Der kündigt Krieg an. Schuschnigg hat im Radio "Gott schütze Österreich!" gesagt.

Auf Otto Trsnjeks Trafik ist soeben mit Schweineblut "Schleich dich, Judenfreund" geschmiert worden. Das war der Fleischhauer nebenan.

Der ist kein Bockerer ...

Filmrechte

Das ist immer so mit dem in Berlin lebenden Wiener Robert Seethaler: Der schreibt so leise, so unaufgeregt, dass man seine Romane übersehen kann.

Naja, 20.000 Exemplare wird er schon verkaufen. Aber "Der Trafikant" würde viel mehr Lesern gefallen. Garantiert.

Wieso hat sich denn nicht sofort jemand die Filmrechte gesichert?

Der Wurstelprater mit der zahnluckerten böhmischen Prostituierten Anezka auf der Riesenschaukel, in die sich der Franzl so sehr verliebt; und das Varieté, in dem sie strippt (gleich nach dem Auftritt des Conferenciers, der auf die Knie fällt und betet: "Lieber Gott, mach mich stumm, dass ich nicht nach Dachau kumm"); und die Hose! Diese alte Hose, die eines Morgens wie ein Zeigefinger zwischen den Hakenkreuzbannern am Gestapo-Hauptquartier Morzinplatz hängen wird!

... das sind Bilder, so schrecklich und so liebevoll, in braunen Dreck getaucht das eine Mal, in Poesie gehüllt das andere Mal.

Denn der Franzl, der schreibt nicht nur wöchentlich seiner Mama Karten, sondern auch – wie Freud es ihm empfohlen hat – seine Träume auf. Die pickt er auf die Auslage der Trafik.

Da wundern sich die Leut` mit dem "Völkischen Beobachter" unterm Arm.

Er altert schnell. Er ist kein dummer Bub mehr. Der Franzl kann nicht wegschauen. Er hat ein Gewissen; und wer wird ihn auf dem Gewissen haben?

Aber im Roman sagt er immerhin, Frauen seien wie Zigarren: Wenn man zu fest an ihnen zieht, verweigern sie einem den Genuss ...
Verstehen heißt ja noch nicht begreifen. Freud hat, wie alle Männer, sicher gewisse Theorien zum weiblichen Geschlecht entwickelt. Aber Theorien sind ja nur hilflose Beschreibungsversuche der Wirklichkeit. Und wer will die weibliche Seele schon in ihrer ganzen Unbegreiflichkeit erfassen?

War Freud einfach nur willkommen, als Sie über das Wien 1937/’38 geschrieben haben. Oder bedeutet er Ihnen etwas?
Sigmund Freud ist eine Figur des Weltgeistes. Im Grund genommen sind die meisten seiner Konstrukte nichts weiter als Spinnereien. Aber in sich sind diese Verrücktheiten geschlossene und wunderschöne Modelle. Nimmt man sie ernst, können sie zwar wenig erklären, aber viel bewegen.

Freud war gegenüber den einfachen Leuten nicht so besonders redselig. Glauben Sie, das Burschi vom Attersee hätte ihn wirklich interessiert?
Vielleicht gerade das Burschi vom Attersee! Der junge Mann steht in Zeiten des drohenden Unterganges der westlichen Zivilisation für die Hoffnung und den Glauben an die Möglichkeiten der Zukunft.

Bitte nicht stören. So oft passiert es ja nicht, dass man eine Gefühlsgeschichte hat, die den Bauch wärmt und im Kopf klopft.

KURIER-Wertung: ***** von *****

Velázquez soll Waffen finanzieren

Madrid 1936, am Vorabend des Bürgerkriegs. Er wird 100.000 Menschen das Leben kosten und den Spaniern 36 Jahre Militärdiktatur einbrocken.

Den jungen Kunstexperten Anthony Whitelands geht das scheinbar nichts an. Der politisch naive Brite interessiert sich nur für Malerei. Der Barockmaler Velázquez ist seine Leidenschaft, und ausgerechnet von ihm soll ein bisher unbekanntes Gemälde aufgetaucht sein. Es soll illegal verkauft, mit dem Geld sollen Waffen für die Faschisten gekauft werden. Whitelands, blind für alles außerhalb seines Malerei-Kosmos, schwadroniert über Kunst und merkt nicht, dass er ins Visier des Geheimdienstes gerät.

Wie auf dem Gemälde "Katzenkrieg" von Goya, das später im Keller des Prado entdeckt und zuerst einem anderen Maler zugeschrieben wurde, belauern sich die Kontrahenten in Hauptdarsteller in Eduardo Mendozas "Katzenkrieg".

Mendoza hat Historienthriller, Polit-Krimi und Liebesroman auf einmal geschrieben. Die inhaltlich schwere Kost ist trotzdem unterhaltsam zu lesen. Lange vor Carlos Ruiz Zafón schrieb Mendoza Geheimnisvoll-Historisches aus Spanien. Gut für ihn, dass historische Romane jetzt wieder Bestseller sind.

Für "Katzenstreit" wurde er 2010 mit dem Planeta-Preis, dem renommiertesten Literaturpreis der spanischsprachigen Welt ausgezeichnet. - B.M.

KURIER-Wertung: **** von *****

Eine Ruine mit Zeitungshoroskop

Es war richtig, 2011 ihren Debütroman "Wassermoleküle" zu loben, in dem nur das geschieht:

Eine junge Frau aus der Provinz versucht nach vielen Verlusten wieder leicht durchs Leben zu gehen.

Die in Wien lebende Oberösterreicherin Ingrid Maria Lang wagt sich jetzt in "Glasscherbeninsel" auf noch schwierigeres Terrain. Es scheint, als will sie sich auf noch Größeres vorbereitet und testet hier, was sie kann und was sie noch lernen muss. Sie kann schon viel.

Sie kann ihre Leser trotz vieler Namen und noch mehr Verwicklungen mitnehmen: zu zwei Jugendstilvillen in den 1960er-Jahren im Norden Wiens; zu einer reichen, angesehenen Familie (deren Vorfahren Kriegsgewinnler waren) – und diese Familie löst sich in Schande auf, es bleibt nur noch eine Ruine, von Sträuchern und Disteln überwuchert.

Ein Zeitungsausschnitt mit Horoskop hat in einer feuchten Ecke überdauert. "Heute", ist noch zu lesen, " müssen Sie Ihr Glück fest in beide Hände nehmen ..."

Lange Zeit weiß man nicht, warum alles so passiert ist. Man erfährt bloß, dass eines Tages die Tochter der Nachbarn tot in einem fast schon verrotteten Boot gelegen ist.

Dann wird erzählt, 20, 30 Jahre später in Rückblicken; abwechselnd vom Sohn des einstigen Villenbesitzers und von seiner Cousine. Mit diesem mutig ausgeworfenen Netz aus tiefer Traurigkeit und Konfusion lässt man sich gern fangen. - P.P.

KURIER-Wertung: **** von *****

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