Es werden noch mehr Bücher kommen: Nobelpreisträger Günter Grass (1927–2015)

© REUTERS/THOMAS PETER

Neuerscheinung
08/30/2015

Günter Grass: Husten, jammern, im Sarg probeliegen

Das Buch, an dem er bis zu seinem Tod arbeitete. Späte Erkenntnis: Der Mann hatte Humor.

von Peter Pisa

Wenn er schreibt, wie zwei seiner verbliebenen vier Zähne im Unterkiefer "wegfallen", muss man nicht unbedingt vor Ehrfurcht erblassen, bloß weil es die Zähne von Günter Grass sind.

Auch bei der am vergangenen Freitag erschienenen Lyrik zum Thema "Ich spucke, was die Bronchien hergeben" bzw. "Nicht mal ein Furz will mir gelingen" wird man nicht auf die Knie fallen.

Und bei seinen Achs – ach, wie die toten Freude fehlen – wird man milde sagen: Ja ja, vor dem Jammern ist selbst ein "Großschriftsteller" nicht gefeit.

Sieht man allerdings in "Vonne Endlichkait" (= ostpreußische Mundart, Von der Endlichkeit) nur ein kleines, ein posthumes Abschiedsgeschenk des im April verstorbenen Nobelpreisträgers ... eine Freude wird man dann damit haben; "Bravo" wird man rufen; gerührt wird man sein; obwohl knapp 30 Euro nicht eben geschenkt sind.

Federleicht kommen die letzten Gedichte und Prosastücke daher. Es überrascht nicht, dass die Bleistiftzeichnungen oft eine Vogelfeder zeigen.

Denn flüchtig ist das Leben, und so weit ein Höhenflug auch reichen mag – am Ende segeln bloß Federn zu Boden.

Aus Buche

Das Buch ist sogar heiter inmitten des Sterbens, selbstironisch ist es – also so ganz anders als vor fünf Jahren das Vermächtnis mit dem Titel "Grimms Wörter": Günter Grass’ schwer verdauliche Liebeserklärung – an sich selbst.

Das Gedicht über Angela Merkel ("Jetzt sind sogar die Sozis in ihr Bett gekrochen, / entlohnt mit trocknem Gnadenbrot") wird man sich wohl nicht merken. Eher, wenn Günter Grass vom Probeliegen im Sarg erzählt.

Der Tischler seines Vertrauens machte einen aus Buche (für ihn) und einen aus Fichte (für seine Frau).

Angeblich sah Grass darin "so zufrieden" aus.

Danach kamen Dahlienknollen und andere Blumenzwiebeln in die Kisten.

Man merkt es beim Lesen: Hier hat sich einer ein letztes Mal mit dem Federkiel vergnügt (schon wieder eine Feder!).

Hier denkt einer gern zurück: an die Olivetti-Schreibmaschine, an ein eineinhalb Stunden gekochtes Rinderherz, an Wolken, Briefe ...

Es sind Erinnerungen, die Grass kaut "wie Gummi, dem noch ein Rest Geschmack geblieben ist."

Seine allerletzten Zeilen, wie man in seiner Heimatstadt Danzig gesprochen hat, lauten:

Nu war schon jewäsen.

Nu hat sech jenuch jehabt.

Nu is futsch un vorbai ...

Aber nicht ganz: Grass’ Verleger Gerhard Steidl hat noch eine Menge unveröffentlichter Manuskripte versteckt, es wird weitere Bücher geben.

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