Hilary Mantel

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Literatur
06/11/2016

Große Dramen fernab jeglicher Emotion

Überforderte Familien von Hilary Mantel: "Jeder Tag ist Muttertag"

von Simone Hoepke

Es ist ein bisschen wie im echten Leben: Manche Leute kennt man lieber nur vom Wegschauen. Auch, weil diese hart darauf hingearbeitet haben.

Die Axons etwa, die schon immer zurückgezogen im spießigen Stadtviertel gelebt haben. Was das Sozialamt der verwahrlosten Frau über deren seltsame Tochter schreibt, will man zunächst gar nicht so genau wissen. Auch nicht, welche Geister durch das Haus oder den Kopf von Frau Axon spuken. Und was das alles mit der Nachbarin zu tun hat, die neugierig über den Gartenzaun lugt, statt sich um ihr eigens Leben zu kümmern.

Dagegen ist das langweilige Leben von Colin, der aus der Straße weggezogen ist, die reinste Wohltat. Auf dem ersten Blick zumindest. Die Hemden, die ihm ständig schlampig aus der Hose hängen, sind nur das äußere Zeichen des fortschreitenden Kontrollverlusts über sein Leben. "Ehebrechen sollst du nicht: Selten Vorteil es verspricht", lässt die Britin Hilary Mantel gleich in der Widmung zu "Jeder Tag ist Muttertag" ausrichten.

Es ist ein kühler Roman der als Krimikomödie daher kommt und streng genommen alles andere als neu ist. Die englische Originalfassung ist 1985 auf den Markt gekommen, die deutsche Übersetzung ließ gut 30 Jahre auf sich warten. In der Zwischenzeit hat Mantel historische Romane geschrieben und dafür zwei Mal den Booker-Preis bekommen.

In ihrem Erstlingswerk erzählt sie von Familiendramen im verstörend nüchternen Ton einer Betriebsanleitung für SAT-Anlagen. "Das Leben war belanglos und von blinden Zufällen beherrscht, eine reine Abfolge kleiner, ungeduldig ertragener Enttäuschungen", so Mantel.

Kind im Fluss

Als Colin seine Frau verlassen will, ist diese zum vierten Mal schwanger und hat damit etwas mit der Tochter der Axons gemeinsam, die fortan das Haus gar nicht mehr verlassen darf.

Ein paar Monate später treibt ein Kind in einem Schuhkarton am Fluss. Der Karton kippt, die Axons gehen nach Hause. Ein Ereignis, das als so selbstverständlich beschrieben wird, wie der latent drohende Nervenzusammenbruch von Colins Frau oder die ständigen Machtkämpfe zwischen Mutter und Tochter Axon.

Am Ende ist es so wie im echten Leben: Nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Das Lachen bleibt einem oft im Halse stecken.


Hilary Mantel:
„Jeder Tag ist Muttertag“
Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence.
DuMont Verlag.
256 Seiten.
23,70 Euro.

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