Große Courbet-Schau in Wien: Lesbischer Sex! Pornografie! Forellen!
Den Satz „Dies ist keine Pfeife“ sollte der Belgier René Magritte erst 1929 auf ein Gemälde schreiben. Doch schon über 70 Jahre zuvor, 1858, hätte er auf ein kleines Ölbild gepasst, das nun im Auftaktsaal der großen Frühjahrsausstellung im Leopold Museum hängt: Die Darstellung des Rauchutensils, an einem roten Band an einen Nagel gehängt, ist nämlich ein Selbstporträt von Gustave Courbet (1819–1877).
Der Maler stellte sich öfters mit Pfeife dar, auch seinen Spitzbart setzte er gern wie ein Logo ins Bild – dass er damit auch in Zeitungskarikaturen auftauchte, störte gar nicht: Courbet war der Prototyp des kontroversiellen Starkünstlers.
Vor dem Meister zückte auch der Auftraggeber den Hut: „Bonjour Monsieur Courbet“ heißt ein berühmtes Gemälde (1854), das zunächst eine schlichte Straßenszene zeigt, tatsächlich aber ein neues Künstlerbild postulierte – und das nun als eine von mehreren sensationellen Leihgaben in Wien zu sehen ist.
Neues Künstlerbild
Das Handwerkszeug, um zu verstehen, wieso dieser Maler zu seiner Zeit so viel Aufruhr erzeugte, kann heute freilich nicht vorausgesetzt werden. Röhrende Hirsche, Höhlen- und Meereslandschaften sowie Porträts machen einen guten Teil des Courbetschen Motivrepertoires (und der Ausstellung) aus. Solche Werke gelten heute eher als Insignien behaglicher Bürgerlichkeit denn als Ikonen künstlerischen Rebellentums.
Freilich ist da dieses eine Bild, das ungebrochen aufregt: „Der Ursprung der Welt“ (1866), die Darstellung eines entblößten weiblichen Unterkörpers. Dass dieser einer Tänzerin namens Constance Quéniaux gehörte, weiß man erst seit relativ kurzer Zeit: Das Bild wurde als Produkt des männlichen Blicks, der Frauen auf ihre Körper reduziert, vielfach kritisiert.
Dass das Museum das (angeschnittene) Motiv nun als „Teaser“ für die Schau benutzt, spiegelt die ursprüngliche Verwendung (in den Privatgemächern des Auftraggebers Khalil Bey) ebenso wenig wider wie den Umstand, dass in der Schau viele Lesarten des Bilds möglich werden: „L’Origine du monde“ hängt da zwischen mehreren Akten (und einer lesbischen Liebesszene), die Courbets Lust an ungewöhnlichen Perspektiven (und Tabubrüchen) belegen.
Lustgrotte
Dass davor und danach Bilder von Landschaften, Grotten und Quellen zu sehen sind, hat ebenfalls eine gewisse Logik: Die symbolische Gleichsetzung von Körpern mit Landschaften (als Ort männlicher Eroberungsfantasien) war Courbet gewiss nicht fremd – und wie ein Auszug aus einem Brief an die Pariser Dame Mathilde Carly de Svazzema andeutet, war auch Courbets Verhältnis zum Malakt selbst hoch erotisch aufgeladen.
So verschwitzt und gestrig all das aus heutiger Sicht anmuten mag, so unzweifelhaft virtuos sind die Resultate, die der Maler auf der Leinwand zustande brachte. Gerade die Landschaften sind Farbgewitter: Aus der Nahperspektive lösen sie sich in ein abstraktes Gewebe aus Malgrund und Farbtupfern auf, die materielle Präsenz von Farbe und Leinwand und die optische Dimension des Bilds ergänzen einander in einer Weise, wie man es sonst vielleicht nur von Rembrandt oder Velázquez kennt. Wer Malerei liebt, wird hier jauchzen.
Vor der malerischen Fülle gerät im Parcours die politische Dimension im Leben und Werk Courbets ein wenig in den Hintergrund. Die Biografie des Künstlers, der mit Sozialisten wie Pierre-Joseph Proudhon („Eigentum ist Diebstahl“) verkehrte, mit seiner Malerei oft „einfache Leute“ adelte, als Kulturfunktionär agierte und nach der Zeit der Pariser Kommune von 1871 ins Exil gedrängt wurde, ist noch eine eigene Erkundung wert.
Nur so viel: Die gehetzten Hirsche und sterbenden Fische, bei Courbet oft riesig dargestellt, sind teils ebenfalls codierte Selbstporträts. Und das Band, an dem der Maler seine Pfeife baumeln ließ, war wohl nicht ganz zufällig leuchtend rot.
- Der Künstler Gustave Courbet stammte aus der französischen Provinz und machte in Paris Karriere. Ländliche Szenen blieben stets Motive seiner Kunst. Er starb 1877 im Schweizer Exil.
- Die Ausstellung „Gustave Courbet – Realist und Rebell“ ist bis 21. Juni im Wiener Leopold Museum zu sehen. 130 Exponate geben Einblick in Leben und Werk.
- Zur Ergänzung Die Schau zum Satiriker Honoré Daumier in der Albertina (bis 25. 5.) erzählt über das Umfeld zu Courbets Zeit. „Noble Begierden“ im Palais Liechtenstein (bis 6. 4. ) widmet sich auch seiner Position am Kunstmarkt.
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