Honoré Daumier in der Albertina: Freche Früchtchen, feiste Fratzen
In der Albertina gab es bis dato nur einmal eine Ausstellung der Werke von Honoré Daumier, einem erklärten Republikaner, der als Karikaturist die Mächtigen vorführte. Just, als Österreich eine Diktatur war: Sie wurde am 21. November 1936 eröffnet, sollte bis Dezember laufen und wurde, weil das Publikumsinteresse derart groß gewesen sei, bis Mitte Jänner 1937 verlängert. Im damaligen Ehrenausschuss war auch – so Albertina-Direktor Ralph Gleis – Kurt Schuschnigg, der Kanzler des austrofaschistischen Ständestaats.
Das verblüfft doch ein wenig. Daumier prangerte zwar die politischen Zu- wie sozialen Missstände im Frankreich des 19. Jahrhunderts an und wetterte gegen die Herrschenden. Aber man konnte in vielen seiner insgesamt 4.000 Lithografien Parallelen zu den erneut unruhigen Zeiten ziehen – und die Auflösung der Nationalversammlung durch Louis-Napoléon Bonaparte 1851 in Analogie zum Staatsstreich stellen, mit dem Engelbert Dollfuß im März 1933 die Macht an sich riss. Die Albertina-Retrospektive, konzipiert vom Kunsthistoriker und Psychoanalytiker Ernst Kris, barg mithin ein subversives Element.
Bronze aus 1855: Daumier
Und nun, 90 Jahre später, gibt es wieder eine Daumier-Retrospektive in der Graphischen Sammlung – mit dem Untertitel „Spiegel der Gesellschaft“ (bis 25. Mai). Sie spielt, exzellent kuratiert von Laura Ritter, mit dem Verweis auf das Jetzt: „Die politische Lage ist instabil, eine ruchlose Clique missbraucht ihre Macht, die Wirtschaft kriselt (...) Die Schilderung der Verhältnisse im Frankreich des 19. Jahrhunderts scheint merkwürdig gegenwärtig.“
Genauer Beobachter
Die Karikaturen von Daumier, am 26. Februar 1808 in Marseille geboren, sind daher zeitlos (wiewohl sie mitunter Erklärtexte benötigen). Und in dem Spiegel, den der Künstler, ein genauer Beobachter, der Bourgeoisie vorhielt, darf man sich auch heute wiedererkennen. Mit einigen Abstrichen jedoch: Die Kommentare zum Fortschritt (Schlagwort: Eisenbahn) sind bloß amüsant.
Da sich die politischen Verhältnisse in Frankreich mehrfach änderten, geht die Schau zunächst chronologisch vor: Die Julirevolution 1830 führte zur Abdankung von König Charles X. – und Louis-Philippe von Orléans übernahm die Herrschaft. (Genau davon erzählen Lukas Schrenk und Nils Strunk derzeit übrigens hinreißend im Theater Akzent in „Ludwig XIX. – König für 20 Minuten“.) Die anfängliche Hoffnung auf eine liberale Wende wich schnell der Ernüchterung: Entgegen seinem Ruf als „Bürgerkönig“ agierte Louis-Philippe vor allem im Interesse der Oberschicht und verfolgte eine zunehmend autoritäre Politik.
„Masken von 1831“: Spitze Näschen, prächtige Knollen.
In Anspielung auf seine körperliche Fülle diente eine Birne als Metapher: Sie war alsbald allgegenwärtig. Auch Daumier, der ab 1831 Lithografien für die satirischen Zeitschriften La Caricature und Le Charivari schuf, verwendete sie. Im berühmten Blatt „Gargantua“ zum Beispiel verschlingt ein birnenköpfiger Riese das Geld seiner verarmten Untertanen, um es in Form von Gesetzen und Erlässen für seine Günstlinge wieder auszuscheiden. Es wurde 1832 von der Zensur verboten und Daumier zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt.
Kolorierte Karikaturen
Als Vorlagen für die Zeichnungen der Politiker oder Journalisten – Daumier liebte wahlweise spitze Näschen oder prächtige Knollennasen – dienten ihm kleine Porträtplastiken. In der Albertina sind diese auf einer gebogenen Tribüne angeordnet – wie in der Lithografie „Der gesetzgebende Bauch“ (1834) mit lauter verfressenen Volksvertretern. Dieses Blatt befindet sich in der Albertina; zwei Drittel der 200 ausgestellten Arbeiten hat man sich aber vom Städel in Frankfurt ausgeliehen. Und die Revolution 1848 wurde mit Beispielen aus Österreich (darunter das bekannte Blatt von Metternich auf der Flucht) ergänzt.
Kleine Porträtplastiken: In der Albertina sind diese auf einer gebogenen Tribüne angeordnet - wie im Versammlungssaal
Aber es gibt nicht nur zum Teil kolorierte Karikaturen zu sehen: Daumier war auch ein respektabler Maler im Stil des Impressionismus. Die Schau bietet mithin einen wirklichen Überblick. Nur einen Wunsch erfüllt sie nicht: eine von Honoré Daumier gezeichnete Trump-Birne.
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