Billie Joe Armstrong, Mike Dirnt und Tré Cool

© Warner Music Group

Kritik
02/07/2020

Green Day-Album: Little Richard statt Trump, Motown statt Punk

Das amerikanische Punk-Trio wendet sich mit "Father Of All Motherfuckers" von politischen Konzeptwerken ab und neuen Sounds zu.

von Brigitte Schokarth

„Soul und Motown, glamourös und hymnisch. Dreckig. Chaotisch. Das ist definitiv ein neuer Sound für uns.“ So beschreibt Sänger Billie Joe Armstrong „Father Of All Motherfuckers“, das heute Freitag erscheinende neue Album seiner Band Green Day.

Wer „American Idiot“ und „21st Century Breakdown“, die politischen Konzeptalben der US-Rocker, kennt, denkt bei dem Titel natürlich sofort an ein Werk, das auf den aktuellen Präsidenten der Heimat des Trios abzielt.

Tut es aber nicht.

„Über Trump zu schreiben, erschien uns zu offensichtlich“, erzählte Armstrong dazu dem Spin-Magazine. „Außerdem gibt es zur Zeit so viel giftigen Müll im Äther. Dazu wollten wir nicht auch noch beitragen. Stattdessen singe ich über das, was uns beeinflusst hat, als wir aufwuchsen. Und damit über die Geschichte der Rockmusik, sei es Little Richard, Motown oder T. Rex. Diese Texte sind wie eine Party, ein Lebensstil, bei dem man sich nichts pfeift. Wir wollen, dass unsere Attitüde auf demselben Level ist wie die der jungen Hip-Hop-Acts.“

Erfrischend

Was das bedeutetet, ist für Green-Day-Fans sicher zunächst ungewohnt, vielleicht sogar befremdend. Das Album beginnt mit dem Titelsong, bei dem Armstrongs Stimme so hoch und im Sound verfremdet einsetzt, dass man an gängige Charts-Ware erinnert wird. Was aber auch sofort hörbar ist: Die Energie, mit der Armstrong, Bassist Mike Dirnt und Drummer Tré Cool hier losrocken und nach vorne preschen, ist ungebrochen und damit höchst erfrischend.

Untypisch ist auch „Meet Me On The Roof“, das Anleihen bei Doo-Wop nimmt und von The Hives sein könnte. „Stab You In The Heart“ ist ein wütend ausgeführter Boogie, „Graffitia“ mit Piano und hämmerndem Bass hat Springsteen-Feeling.

Massenchor

Es sind auch wieder jede Menge hymnischer Melodien drauf, bei denen man schon jetzt hören kann, wie ein Massenchor sie bei den Stadien-Konzerten mitsingt. Allerdings hat das Hymnische diesmal ein großes Manko, denn bei „Father Of All Motherfuckers“ fehlt ihm das, was die besten Green-Day-Songs bisher immer ausgezeichnet hat: Melodien, die frisch und neu klingen, weil sie längst nicht so simpel sind, wie sie anmuten.

Diesmal sind sie simpel. Oder sie klingen uninspiriert – so als hätten Green Day sie im eigenen Repertoire abgeschrieben. Insgesamt ist zwar lobenswert, wenn die drei einen Schritt weitergehen wollen. Aber die genannten Einflüsse verschmelzen nicht mit dem Green-Day-Sound, sie werden ihm nur aufgesetzt. Es scheint, als hätten sich Green Day mit „Father Of All Motherfuckers“ irgendwie selbst verloren. Ihre Dringlichkeit haben sie damit trotz aller Spielfreude auf jeden Fall verloren.

INFO: Green Day treten am 21. Juni im Wiener Ernst-Happel-Stadion auf 

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