© Frederike Wetzels

Gespräch
05/10/2020

Goldroger wurde verprügelt, weil die Haare lang waren

Der deutsche Rapper spricht im KURIER-Interview über Identitätsfindung, seine Ängste und das Album "Diskman Antishock II"

„Wenn ich in Wien lebte, würde ich jeden Tag im Prater rumhängen!“

Kurz vor Weihnachten 2019 war Goldroger, der als Sebastian Goldstein geborene deutsche Rapper, das letzte Mal für ein Konzert in Wien und hat dabei den Vergnügungspark entdeckt: „Mein Bild von Wien war, dass es auf Hochkultur fixiert und ein bisschen spießig ist“, erklärt er im Interview mit dem KURIER. „Dann so einen Park inmitten der Stadt zu entdecken, hat mich echt überrascht. “

So ist es schon fix eingeplant, in den Prater zu pilgern, wenn Goldroger Ende Oktober wieder nach Wien kommt. Denn da will er das Freitag erschienene Album „Diskman Antishock II“ live vorstellen.

Seinem Musikstil, der Einflüsse aus Dream-Pop integriert, bleibt er dabei treu. Genau wie seiner Art zu rappen, bei der er durch einen Wortschwall hechelt, dabei Teile verschluckt oder nuschelt. Dass dabei nicht jedes Wort zu verstehen ist, ist Absicht: „Mir ist lieber, wenn die Leute über die Musik eine eher nur atmosphärische Idee davon bekommen, was ich sagen will.“

Das, was der ehemalige Jus-Student sagen will, hat aber durchaus mehr Substanz, als Vieles, was sonst in den Charts ist. Geprägt von der eigenen Geschichte mit problematischer Kindheit, sozialen Ängsten und Depressionen drehen sich seine Raps um die Flucht in Alkohol- und Marihuana-Räusche und Identitätsfindung.

„Ich beschreibe das, weil ich ein Mitteilungsbedürfnis habe, versuche dabei, nicht wertend zu sein. Aber zum Beispiel in dem Song ‚Bomberman‘ sage ich schon, dass man bei Drogen, die heutzutage oft romantisiert werden, auch bremsen muss.“

All das erzählt Goldroger auf seinem dritten Album in Metaphern, nimmt dabei gerne Begriffe aus der Popkultur, der Literatur und Filmen her, um Assoziationen zu wecken. So lässt er zum Beispiel in „Lavalampe Laser“ David Bowies Alterego Ziggy Stardust für eine Phase der eigenen Selbstfindung stehen: „Ich und ein paar Freunde hatten als Teenager lange Haare“, sagt er. „Wir haben sie wie Bowie gefärbt und uns die Fingernägel lackiert. Heute haben es junge Leute leicht, die auf so etwas stehen, weil es Dutzende YouTuber gibt, die das machen. Aber in meiner Zeit wurde man dafür verprügelt.“

Rapper, die sich in ihren Texten nur an der hedonistischen Konsumgesellschaft orientieren und Drogen verherrlichen, will er trotzdem nicht kritisieren. Einerseits, weil er Leute nicht mag, die sich über andere stellen, weil sie andere Ansprüche haben. Andererseits schreibt er dem eine wichtige Funktion zu.

„Weil wir in einer extrem konsumorientierten Welt leben, ist das ein passender Spiegel der Gesellschaft. Ich bin mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, die Krankenpflegerin ist. Wir hatten nie Geld. Raps über Luxusstatussymbole hatten trotzdem eine bezaubernde Wirkung auf mich. Das ist wie Opium fürs Volk: Man kann für drei Minuten vergessen, dass man pleite ist.“

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